Ilulissat | Schneeschuhwanderung - Eisfjord und zugefrorene Seen
- Holger Schweitzberger

- 14. März 2022
- 6 Min. Lesezeit

10. März 2022 Der morgendliche Blick aus dem Fenster und auf die Wettervorhersage verspricht einen sonnigen Tag, zu mindestens bis 16:00 Uhr. Danach soll es sich etwas bewölken. Die Höchsttemperatur wird mit -19°C angegeben.

Perfekte Voraussetzungen also für unsere heutige Wanderung auf Schneeschuhen. Beginn ist 9:00 Uhr, die Dauer ca. 4-5 Stunden und ist, wenn wir dem Touranbieter Glauben schenken dürfen, für alle Personen geeignet, die regelmäßig körperlich aktiv sind. Die Schwierigkeitsstufe, auf einer Skala von 1-5, ist mit 2 festgelegt.
Der Treffpunkt für die Wanderung ist am Ilulissat Guesthouse, dass ca. 1,3 km von uns entfernt liegt.
Das bedeutet für uns, dass wir früh aufstehen müssen, denn 8:15 Uhr ist Abmarsch. Wie immer, wenn wir das Haus für längere Zeit verlassen, steht die kräftezehrende Ankleideprozedur an. Bis wir alle richtig eingepackt sind, vergehen schon einmal gut zehn Minuten. Allerdings haben wir das inzwischen gut im Griff, anstrengend ist es trotzdem.
Nachdem wir uns zunächst verlaufen und in die falsche Richtung tappen, finden wir schnell den richtigen Weg und bewegen uns auf den schneebedeckten Straßen Richtung Wasser. Die Farben der Häuser sind in den verschiedensten Farben gestrichen, alles sieht sehr bunt aus und vermittelt einen freundlichen und gemütlichen Eindruck. Das ändert aber nichts daran, dass es glatt ist und wir jeden Moment hellwach sein müssen. Den Warnhinweis: "Achtung, glatt!" höre ich heute dutzende Male.



Nach 25 Minuten sind wir am Ziel angekommen. Hier haben wir bereits einen kleinen Blick auf den Eisfjord, auch unsere Unterkunft können wir von hier erspähen. Es fahren viele Autos herum, aber auch Schneemobile oder Schlitten werden als Fortbewegungsmittel von den Einheimischen verwendet.
Pünktlich um 9:00 Uhr erscheint unser Guide. Wir sind heute anscheinend die Einzigen, die diese Wanderung in Angriff nehmen wollen. Uns kann eine private Tour nur Recht sein, müssen wir uns doch so nach niemanden richten.
Clara begrüßt uns fröhlich, freut sich auf heute und beginnt mit der Unterweisung für die Handhabung der Schneeschuhe. Dabei ist eigentlich nichts zu beachten, außer das man seine Schuhgröße kennt. Danach stellen wir die Schuhe entsprechend ein und los geht´s.

Mit zwei Taxis fahren wir zum Steinbruch, unserem heutigen Ausgangspunkt. Angekommen, erklärt Clara die heutige Strecke und freut sich wie wir, dass das Wetter so traumhaft ist.
Hier sehen wir auch zum ersten Mal die vielen Schlittenhunde, die es in Ilulissat geben soll. Auf 5.000 Einwohner kommen 10.000 ihrer Art. In Rudeln zusammengefasst liegen sie hier angeleint und jaulen sofort, wenn sie denken es gibt Futter. Ich dachte eigentlich, dass wir sie in der ganzen Stadt sehen würde, aber das ist nicht der Fall, sie befinden sich außerhalb der Stadt, auf extra großen Plätzen.

Unser Startpunkt ist der Gleiche wie für die Schneemobilfahrten. Deshalb, meint Clara, sollen wir immer an den Seiten laufen, damit wir uns nicht gegenseitig behindern. Dabei zeigt sie auf die Strecke rechts von uns. Und die führt einen steilen Berg hinauf. Sofort fühle ich mich nach Petra oder zum Fushimi Inari Taishi in Kyoto zurück versetzt. Nach den Wanderungen wollte ich auch nicht mehr leben. Ich frage vorsichtig nach, ob wir denn nicht mit dem Taxi hoch fahren können. Clara denkt, dass ich Spaß mache und lacht…

Doch nun erst einmal etwas zum Eisfjord, Ilulissat und der heutigen Route:
Die Kombination aus Eisschild und sich schnell bewegenden Gletschern, die in einen Fjord kalben, ist ein Phänomen, das nur in Grönland und der Antarktis vorkommt. Jährlich kalben über 10 % aller grönländischen Eisberge aus dem Ilulissat-Eisfjord und produzieren mehr Eis als jeder andere Gletscher außerhalb der Antarktis.
Aus dem Eisfjord fließt der Jakobshavn-Gletscher, der zusammen mit dem Eisfjord jedes Jahr 35 Milliarden Tonnen Eisberge in die umliegende Diskobucht schickt.
Hinter dem Eisfjord, landeinwärts im Osten, liegt die riesige grönländische Eisdecke (oder Eiskappe). Dieser riesige Eiskörper bedeckt ungefähr 80 % der gesamten Landoberfläche Grönlands.
Dieses außergewöhnliche Naturwunder ist über eine Reihe von Wanderwegen bemerkenswert zugänglich. Diese sind alle zu Fuß erreichbar und kommen, da sie die felsige Küste entlang führen, so nah wie möglich an den Eisfjord heran.
In Ilulissat gibt es vier Hauptwanderwege, die alle eine andere Seite des Eisfjords zeigen. Sie laufen alle am alten Hubschrauberlandeplatz zusammen, wo es eine Informationstafel und eine Karte gibt. Der Hubschrauberlandeplatz befindet sich 15 Minuten von Ilulissats Zentrum entfernt. Wir starten allerdings entgegengesetzt, um auf die Aussicht zuzugehen, die sich auf spektakuläre Weise offenbart.
Unser Weg führt entlang der blauen Route, diese ist auf den Karten mit einer Länge von sieben Kilometern angegeben. "Sie vereint das Beste aller Wanderwege, ist allerdings auch die Schwierigste aller Strecken", meine ich mich als Antwort des Mitarbeiters zu erinnern, als ich mich gestern in der Touristeninformation nach Trails erkundigte. Zum Glück wurde mir erst am Ende des Tages bewusst, dass wir die blaue Route liefen.
Jetzt aber wieder zurück zu Clara und ihrer Ankündigung, dass wir den schon erwähnten Berg erklimmen müssen. "Dann ist das Schwierigste vorbei und es geht fast nur geradeaus", verspricht sie uns Mut machend. Ich glaube ihr nicht, behalte aber meine Vermutung für mich um die Motivation nicht in den Keller zu ziehen.
Die Schneeschuhe sind schon sehr vorteilhaft um sich in diesem tiefen, weißen Geläuf fortzubewegen. Gerade bei hohem Schnee, sacken wir nicht so tief weg. Clara macht oft Pausen, erwähnt dass wir alle Zeit der Welt haben und das nach dem Anstieg alles einfacher wird. Ich will nach Hause.
Die Sonne scheint, doch sobald sie durch einen Berg verdeckt wird, ist es bitterkalt. Zum Glück kommt das nicht so oft vor, zusätzlich schwitzen wir ja auch durch die Kletterei.
Auch Heidi kämpft sich tapfer die Strecke entlang. Später gesteht sie, dass sie den Organisator dieses Martyriums töten wollte. Irgendwann haben wir den Gipfel erklommen und sehen - den nächsten Anstieg. "Gleich ist es geschafft" höre ich es auf englisch hinter mir. Wieder glaube ich es nicht. Jule und Heidi sicher auch nicht. Nur Tobi macht einen äußeren fitten Eindruck, aber dass kann ja auch täuschen.

Dann ist es aber vollbracht und wir erblicken einen atemberaubenden Blick auf den Eisfjord und die umliegenden Berge.
Pause! Wir fotografieren und Tobi macht wieder seine Drohne startklar um alles von oben zu filmen.



Clara kommt eigentlich aus Kopenhagen, ist jetzt seit einem Jahr hier und verlässt die Insel einem Monat wieder. "Zeit, etwas Neues in Angriff zu nehmen", sagt sie. Sie erinnert uns an Vicky, unserem damalige Guide bei der Kajaktour am Aialik Glacier. Mit ihrer offenen, natürlichen und hilfsbereiten Art, steckt sie uns alle an und macht damit diesen Tag zu einem unbeschreiblichen Erlebnis.
Der blaue, wolkenlose Himmel ermöglicht uns eine sehr weite Sicht. Die Diskoinsel ist heute sehr gut zu erkennen, immer Winter passiert das sehr selten.
Wir marschieren immer weiter, der einmalige Ausblick lässt unsere Strapazen teilweise vergessen. Nach jeder Kurve erscheinen neue Eisformationen und Gletscherteile sie uns in ihren Bann ziehen. Trotzdem geht es IMMER bergauf.

Ganz erstaunlich ist die Konsistenz des Schnees auf dem wir laufen. Teilweise hart wir Beton, dann urplötzlich weich, so dass man 30 Zentimeter tief ihn eintaucht. So ganz ohne Vorwarnung.
Dann endlich große Pause. Wir trinken heiße Limonade und essen Biskuits. Die Schneeschuhe sind während dessen abgeschnallt, die nächste Streckeneinheit werden sie nicht mehr benötigt.





"Der größte Teil der Strecke ist geschafft." sagt Clara zu mir. Ich gucke auf meine Uhr, mit der ich die Strecke aufzeichne. Gelaufene Distanz bisher: 3,6 km. "Na ja, wir haben knapp die Hälfte geschafft", erwidere ich. "Ja." sagt Clara und lächelt.
Nach genug Fotos und Selfies laufen wir nun ohne Schneeschuhe weiter. Da bleibt nicht aus, dass wir auch im Schnee stecken bleiben oder hinfallen. Heidi wird Rekordhalterin mit sieben Hinfallern und einer Bestnote von 5,9. Wir lachen viel und nach einer Weile ziehen wir unsere Schneeschuhe wieder an.
Wir erreichen schließlich das Ilulissat Eisfjord Centre. Hier treffen quasi alle Routen zusammen, und das bedeutet, das die Stadt ganz in unserer Nähe ist. Wir laufen wieder an einer großen Anzahl von Schlittenhunden vorbei, in einigen Rudeln befinden sich Hundebabies. Wie kleine Eisbären tapsen sie neugierig durch die Gegend, allerdings immer in Reichweite der Mutter.



Keiner dieser Hunde kam uns aggressiv vor oder hat uns angebellt. Im Gegenteil, sie waren sehr friedlich, trotzdem beobachteten sie uns sehr genau. Auf keinen Fall soll man diese Hunde versuchen zu streicheln. Sie sind ausschließlich Arbeitstiere und nicht sozialisiert, sondern nur domestiziert.
Angekommen in Ilulissat müssen wir noch einmal 1,5 Kilometer laufen, bis wir unsere Schneeschuhe wieder abgeben können. Wir erlebten einen wunderschönen Tag, der allerdings sehr anstrengend war. Wir verabschieden uns von Clara, bedanken uns für die tolle Führung und bitten sie, uns ein Taxi zu rufen. Wir wollen keinen Meter mehr laufen.

Zu Hause angekommen spüre ich meinen Rücken nicht mehr. Das gibt sicher einen schönen Muskelkater. Nach einem kalten Tuborg lege ich mich mit Heidi ins Bett. Zwei Stunden entspannen wir uns dort, zwar ohne schlafen aber immerhin liegen wir.
Abends essen wir Spaghetti mit Medister Würsten - die dänische Variante der Thüringer Bratwurst - und Tomaten-Gurken-Salat.
Vergeblich warten am Abend auf Polarlichter, dafür erleben wir einen gigantischen Sonnenuntergang. Dieser beschließt dann auch den unvergessenen Tag.





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