Wir sehen die Fälle wegschwimmen und fahren weiter Richtung Sithonia

28. September - Gefrühstückt wird wieder wie gehabt auf dem Balkon. Warum auch etwas ändern, wenn es sich bewährt hat? Die gestern gekauften Tomaten sind zuckersüß. Die sind halt an der Sonne gereift und schmecken einfach einmalig gut.
Gegen zehn verlassen wir unser Zimmer. Koffer und Rucksäcke werden im Auto verstaut, der Schlüssel abgegeben und dann heißt es: Thessaloniki, wir kommen!
Vor uns liegen knapp 160 Kilometer. Eigentlich keine Entfernung, bei der man in Griechenland einen ganzen Reisetag einplanen müsste. Das Navi sieht das allerdings anders und veranschlagt zunächst über drei Stunden Fahrzeit.
Drei Stunden für 160 Kilometer?
Ich kann es kaum glauben. Das wären ja gerade einmal rund 50 Kilometer pro Stunde. Und schließlich ist auf unserer Strecke sogar Autobahn dabei. Aber gut, vielleicht kennt das Navi Griechenland einfach besser als ich.
Bevor wir uns allerdings auf die lange Reise machen, steht noch ein letzter Besuch am Olymp auf dem Programm.
Auf der Ostseite kann man mit dem Auto bis nach Prionia fahren. Immerhin auf etwa 1.100 Meter Höhe. Wer von dort aus noch Lust auf eine richtige Herausforderung hat, kann weiter zum höchsten Gipfel des Olymp, dem Mytikas auf 2.917 Metern, wandern beziehungsweise stellenweise auch klettern.
Für die komplette Tour mit Hin- und Rückweg werden ungefähr zehn bis fünfzehn Stunden veranschlagt.
Das ist ungefähr die Zeitspanne, in der wir normalerweise zwei Sehenswürdigkeiten, einen Kaffee und ein Mittagessen schaffen.
Der Mytikas fällt also schon einmal aus.
Uns interessieren vielmehr der Enipeas-Wasserfall und das Kloster Agios Dionysios.
Dafür fahren wir zunächst über Litochoro und anschließend rund 18 Kilometer über eine ziemlich knackige Serpentinenstraße bergauf. Die Landschaft ist wunderschön, die Kurven zahlreich und mein Verhältnis zu Serpentinen inzwischen ausgesprochen professionell.
Etwa zwei Kilometer vor Prionia biegen wir links in Richtung Kloster ab. Vor dem Kloster soll es einen Abzweig zum Wasserfall geben, davor einen kleinen Parkplatz.
Soll es geben.
Gibt es aber nicht.
Also machen wir es so, wie man es in Griechenland eben auch machen kann: Wir suchen uns eine übersichtliche Stelle, stellen das Auto an den Straßenrand und holen unsere Wanderstöcke heraus.
Wenn kein Parkplatz da ist, ist eben die Straße der Parkplatz.
Wir marschieren los und folgen einem Pfad, von dem wir einfach mal annehmen, dass er zu unserem Ziel führt. Eine gewisse Abenteuerlust gehört schließlich dazu.
Der Weg führt durch einen herrlichen Wald. Es riecht wunderbar nach feuchter Erde, Pinien und einfach nach Natur. Keine Autos, kein Straßenlärm – nur Wald.
Und irgendwo im Hintergrund glauben wir schon das Plätschern eines Wasserfalls zu hören.
Je weiter wir kommen, desto deutlicher wird das Geräusch.

Dann tauchen die ersten Wanderer vor uns auf.
Sehr gut.
Wenn die auch alle hier entlanglaufen, können wir eigentlich nicht völlig falsch sein.
Nach ungefähr zwei Kilometern sehen wir ihn schließlich.

Zunächst nur ganz unscheinbar zwischen den großen Steinen. Dann wird das Plätschern lauter und plötzlich steht der Wasserfall vor uns.
Und der kann sich wirklich sehen lassen.
Zwei Wasserfälle stürzen aus etwa zehn Metern Höhe über die Felsen nach unten. Das Wasser des Baches ist glasklar und schimmert türkis. Ein wunderschöner Anblick.
Und natürlich sieht es so aus, als würde das Wasser geradezu zum Baden einladen.
Aber wir kennen uns.
Das Wasser ist bestimmt so kalt, dass man beim Reinsteigen anschließend seine eigene Vergangenheit Revue passieren lässt.
Wir begnügen uns deshalb mit Fotos.

Während wir fotografieren, wächst die kleine Wandergruppe um uns herum langsam an. Aus ein paar Wanderern sind inzwischen bestimmt zehn geworden.
Offenbar haben wir also tatsächlich den richtigen Weg gefunden.
Nach einer Weile haben wir genug Wasserfall gesehen und machen uns auf den weiteren Weg zum Kloster. Etwa anderthalb Kilometer sollen es noch sein.
Unsere Wanderstöcke erweisen sich dabei erneut als hervorragende Anschaffung. Vor allem bergauf merkt man den Unterschied deutlich. Man läuft damit einfach angenehmer und hat gleichzeitig das Gefühl, ausgesprochen professionell unterwegs zu sein.
Nach einer Weile erreichen wir das Kloster Agios Dionysios.
Vor dem Kloster befindet sich ein riesiger Parkplatz.
Natürlich.
Hier hätten wir also auch parken können.
Aber das kann ja jeder.
Wir haben schließlich gerade sechs Kilometer Wanderung hinter uns und dürfen uns dafür später in unserer Fitness-App feiern lassen.
Der Eintritt ins Kloster ist kostenlos. Jeder ist willkommen – solange er sich an die Kleiderordnung hält.
Frauen müssen sich einen Rock umbinden und Männer in kurzen Hosen ebenfalls.
Da ich natürlich wieder in kurzen Hosen unterwegs bin, bekomme auch ich einen Rock.
Am Eingang hängen ausreichend Exemplare zum kostenlosen Ausleihen.




Ich hätte nie gedacht, dass ich in Griechenland einmal freiwillig einen Rock tragen würde. Aber Reisen bildet ja bekanntlich.
Das Kloster selbst ist bisher das schönste, das wir gesehen haben. Besonders die Kapelle gefällt uns. Sie ist so hell, dass man beim Fotografieren tatsächlich einmal kein Bildbearbeitungsprogramm benötigt, um überhaupt etwas zu erkennen.
Auf dem gesamten Klostergelände wachsen unzählige Pflanzen und Blumen. Alles ist liebevoll angelegt und gepflegt. Man kann wunderbar herumspazieren und entdeckt überall etwas Neues.
Ich muss dabei an Schottland denken. Damals hatte ich einmal gesagt:
„Ich brauche mir doch nicht zehn Burgen anzusehen. Wenn man eine kennt, kennt man alle.“
Bei den Klöstern habe ich ähnlich gedacht.
Ein Kloster reicht doch.
Inzwischen weiß ich: völliger Blödsinn.
Jedes Kloster hat sein eigenes Ambiente, seine eigene Geschichte und sieht eben doch anders aus als das nächste.
Das Heilige Kloster Agios Dionysios des am Olymp, das bedeutendste im Bezirk Pieria, befindet sich am Olymp in einer Höhe von 900 Metern, 18 Kilometer von Litochoro entfernt. Es wurde im 16. Jahrhundert von Agios Dionysios gegründet und erlebte während der türkischen Herrschaft seine Blütezeit, wurde aber 1821 von Türken und 1943 von Deutschen zerstört. Es wurde in sein Metochi in der Nähe von Litochoro verlegt. Heute fungiert es als Männerkloster mit 24 Mönchen und ist spirituell und wohltätig aktiv, während es am 23. Januar und am 14. September sein Patronatsfest feiert. Im Sakristei werden wertvolle Kirchenschätze aufbewahrt, die 1999 vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios eingeweiht wurden. In der Nähe des Klosters befindet sich der Ort Myloi mit einer funktionierenden Wassermühle, die als Erholungsgebiet dient.
Nach ungefähr einer Stunde verabschieden wir uns von diesem wunderschönen und stillen Ort der Andacht und machen uns wieder auf den Rückweg.
Wir laufen zunächst die Straße hinauf, denn unser Auto steht ja irgendwo da oben.
Der Hinweis am Straßenrand spricht von bis zu zwölf Prozent Steigung.
Wir schnaufen also ordentlich vor uns hin.
Doch dann kommt die Überraschung:
Nach ungefähr 300 Metern sehen wir unser Auto.
Da steht es!
Wir haben tatsächlich perfekt geparkt und außerdem eine perfekte Runde gedreht.
Ungefähr sieben Kilometer zeigt uns später die Fitness-App an.
Sieben Kilometer!
Damit hätten wir dann auch offiziell genug Sport für heute gemacht.
Wir steigen ins Auto und freuen uns erst einmal darüber, dass wir wieder sitzen können.

Noch etwa 16 Kilometer Serpentinen liegen vor uns, dann haben wir wieder normale Straßen unter den Rädern.
Ich gebe ins Navi ein, dass ich ab sofort Autobahn und Mautstraßen benutzen möchte. Normalerweise sind diese Optionen bei mir deaktiviert. Aber inzwischen ist die prognostizierte Fahrzeit auf fast vier Stunden gestiegen.
Die Autobahn schafft die Strecke dagegen in ungefähr 90 Minuten.
Da muss man nicht lange überlegen.
Wir nehmen die griechische Variante von schnell.
Je näher wir Thessaloniki kommen, desto dichter wird der Verkehr. Und damit steigt gleichzeitig die Zahl der Autofahrer, bei denen man sich fragt, ob sie gerade zum ersten Mal in ihrem Leben eine Autobahn sehen.
Dann kommt eine Baustelle.
Dreispurig geht es plötzlich auf eine Spur zusammen.
Für uns kein Problem.
Für einige Griechen offenbar schon.
Besonders das Reißverschlussverfahren scheint hier noch nicht überall zum Standardwissen zu gehören. Manche fahren noch schnell nach vorne, andere bleiben irgendwo stehen, wieder andere versuchen gleichzeitig, zwei Spuren zu benutzen.
Nach ungefähr einer Stunde ist dieses etwa 1,2 Kilometer lange Nadelöhr endlich überstanden und wir können wieder einigermaßen normal fahren.
Zumindest bis wir nach Thessaloniki hineinkommen.
Dort wird es wieder zähflüssig.
Wir erkennen die Strecke sofort wieder. Genau hier sind wir am ersten Abend im Dunkeln zu unserem ersten Hotel gefahren – nur damals in umgekehrter Richtung und mit deutlich weniger Autos.
Heute hat offenbar ganz Thessaloniki beschlossen, gleichzeitig unterwegs zu sein.
Pünktlich um 15 Uhr erreichen wir trotzdem unser Hotel etwas außerhalb der Stadt.
Es gibt einen großen Parkplatz, auf dem wir problemlos unser Auto abstellen können. Auch das Einchecken funktioniert ohne Schwierigkeiten.
Und dann bekommen wir unser Zimmer.
Groß, gemütlich und mit einem schönen Balkon.
Und vor allem:
Meerblick.
Dazu der Blick auf Thessaloniki.
Da kann man erst einmal nicht meckern.

Bevor wir uns allerdings auf den Balkon setzen und endgültig in den Rentnermodus wechseln, beschließen wir, noch einmal loszufahren und etwas zu essen.
Nicht nach Thessaloniki, sondern nach Perea.
Die Altstadt von Perea liegt nur ungefähr zehn Autominuten entfernt. Wir finden einen Parkplatz direkt am Meer und machen uns auf den Weg zur Strandpromenade.
Bei 27 Grad lässt es sich hier hervorragend aushalten.
Nach zwei Tagen Fisch ist die Entscheidung beim Essen eigentlich schon gefallen.
Heute muss es Gyros sein.
Wir haben kaum ausgesprochen, was wir suchen, da entdecken wir auch schon eine passende Taverne.
Direkt am Meer.
Leichte Brise.
Schöner Blick.
Besser geht’s eigentlich nicht.


Wir bestellen einmal Gyros Pork und einmal Gyros Chicken. Dazu für Heidi Wein, für mich Wasser und natürlich – wie könnte es anders sein – Tzatziki.
Dann kommt das Essen.
Und wir schauen uns erst einmal ungläubig an.
Das sind keine Portionen. Das sind Bauvorhaben.
So viel Gyros haben wir vermutlich noch nie auf einem Teller gesehen.
Beide Varianten schmecken hervorragend. Aber irgendwann müssen selbst wir kapitulieren.
Alles schaffen wir beim besten Willen nicht.
Die Rechnung?
29 Euro.
Für zwei riesige Portionen Gyros, Getränke und Tzatziki.
Da kann man wirklich nicht meckern.
Um das Essen wieder halbwegs dorthin zu bringen, wo es hingehört, laufen wir anschließend die komplette Promenade einmal hin und zurück.
Danach noch schnell zum Geldautomaten, Geld holen, und anschließend in den Supermarkt.
Zwei Cola müssen noch mit.
Man weiß ja nie.
Zurück im Hotel machen wir uns einen Kaffee, setzen uns auf unseren Balkon und lassen den Tag gemütlich ausklingen.
Vor uns das Meer.
Neben uns Thessaloniki.
Und über uns ein angenehmer griechischer Abend.
Wir freuen uns auf morgen.
Denn dann geht es endlich wieder dorthin, wo wir eigentlich hinwollen:
ans Meer.

Ich brauche es eigentlich nicht zu erwähnen, aber es ist so. Als es dunkel wird, erleben wir wieder einen fantastischen Sonnenuntergang der Saloniki in orange eintaucht.






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