Am Fusse des Olymps

27. September - Am frühen Morgen wache ich auf, reibe mir verschlafen die Augen, drehe den Kopf nach links – und sehe: blauer Himmel und das Meer.
Also genau das, was man sehen möchte, wenn man morgens die Augen aufmacht.
Es war definitiv eine gute Entscheidung, noch eine Nacht hier zu bleiben, denke ich. Und weil ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht völlig davon überzeugt bin, dass der Tag bereits begonnen haben muss, schließe ich die Augen einfach wieder und schlafe weiter.
Man muss schließlich Prioritäten setzen.
Gegen 10:00 Uhr schaffen wir es dann tatsächlich, uns aus dem Bett zu bewegen. Wir setzen uns auf unseren Balkon und frühstücken ganz gemütlich griechisch. Vor uns das Meer, über uns der blaue Himmel und unter uns die Straße, die inzwischen schon ordentlich mit Leben gefüllt ist.
Und dann entdecke ich mein aktuelles Unterhaltungsprogramm. Direkt gegenüber befindet sich ein kleines Geschäft, das Taschen, Strandutensilien und allerlei Dinge verkauft, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie unbedingt braucht.
Offensichtlich wissen das die Frauen aber ganz genau.
Denn gefühlt bleiben 95 Prozent aller Frauen, die hier vorbeikommen, vor dem Laden stehen. Die Taschen werden begutachtet, in die Hand genommen, von allen Seiten betrachtet, auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft und anschließend wieder zurückgehängt.
Das Ganze dauert ungefähr zehn Minuten.
Pro Frau.

Kommen mehrere Frauen gemeinsam, verlängert sich die Veranstaltung entsprechend. Dann wird diskutiert, verglichen, erneut angefasst und vermutlich auch die Frage geklärt, ob diese Tasche wirklich zum Kleid von vorgestern passt.
Die Männer, die sich zufällig in der Nähe befinden, haben währenddessen ihre eigene Selbsthilfegruppe gegründet.
Sie stehen ein paar Meter entfernt, schauen demonstrativ in eine andere Richtung und unterhalten sich über Fußball, Angelergebnisse oder vermutlich darüber, wie lange sie schon auf ihre Frauen warten.
Man erkennt sofort: Diese Männer haben Erfahrung.
Ich habe jedenfalls während unseres gesamten Frühstücks keine einzige Frau gesehen, die tatsächlich etwas gekauft hat.
Geguckt: ja.
Angefasst: unbedingt.
Verglichen: selbstverständlich.
Gekauft: null.
Wenn ich der Verkäufer wäre, würde ich irgendwann über ein neues Geschäftsmodell nachdenken.
„Taschen anschauen – 2 Euro.“
„Taschen anfassen – 3 Euro.“
„Tasche anschauen und anfassen – Sonderpreis 4 Euro“
Und wer sie anschließend wieder zurückhängt, bekommt vielleicht einen kleinen Rabatt.
Wahrscheinlich wäre der Laden innerhalb eines Tages pleite.
Oder reich.
Man weiß es nicht.
Wir lassen es heute jedenfalls deutlich ruhiger angehen. Große Besichtigungen, Klöster, Höhlen oder sonstige sportliche Aktivitäten stehen nicht auf dem Programm. Heute wollen wir einfach nur ans Meer.
Unser Plan ist denkbar einfach: Am Wasser entlang bis zur nächsten Ortschaft spazieren, dort irgendwo einen Kaffee trinken und anschließend wieder zurück.
Keine komplizierte Navigation, keine Eintrittspreise, keine Öffnungszeiten und vor allem keine Treppen.
Das gefällt mir.
Am Ende werden daraus ungefähr zwölf Kilometer.
Für einen gemütlichen Tag ist das eigentlich ganz ordentlich.
Aber wir haben ja Zeit. Und schließlich ist Urlaub nicht dazu da, um sich zu hetzen.
Heute wird also gewandert, geguckt, Kaffee getrunken und wieder zurückgelaufen.
Und wenn uns unterwegs ein Taschengeschäft begegnet, weiß ich schon jetzt, was passieren wird.
Wir bleiben natürlich nicht stehen.
Ich jedenfalls nicht.
Ich bin schließlich ein Mann.
Wenn uns gestern jemand erzählt hätte, wie das Wetter heute werden würde, hätten wir ihm wahrscheinlich einen Vogel gezeigt.
Von Regen ist keine Spur. Die Sonne bahnt sich langsam ihren Weg durch die noch vorhandenen Wolken. Helle Streifen fallen auf das Wasser und lassen die Oberfläche immer wieder silbrig aufblitzen.
Am Strand sind nur allerdings nur vereinzelte Menschen zu sehen. Noch, würde unser Bundestrainer vermutlich sagen.

Der Wind fährt uns kräftig um die Ohren, zupft an der Kleidung und treibt den Geruch von Salz und Meer über den Strand. Entsprechend sind die Wellen verhältnismäßig hoch. Sie bauen sich draußen auf, rollen mit ordentlich Schwung heran und brechen schließlich rauschend am Ufer. Das Meer sieht heute weniger nach „gemütlich planschen“ und eher nach „mal sehen, wer hier eigentlich wen nass macht“ aus.
Als wir den Dorfausgang von Leptokarya erreichen, ziehen wir unsere Schuhe aus und spazieren im Wasser weiter. Es umspült kühl unsere Füße, während der Wind die nassen Beine sofort wieder auskühlt. Eine ausgesprochen gute Idee – zumindest solange man nicht auf einen der Steine tritt. Der Untergrund ist nämlich nicht gerade mit Samt ausgelegt. Unter den Sohlen knirscht und schiebt sich das Geröll, und jeder Schritt verlangt ein wenig Aufmerksamkeit. Also ziehen wir nach kurzer Zeit unsere Badeschuhe an.
Man wird ja schließlich nicht jünger.

Das Wetter wird derweil immer besser. Die Wolken reißen weiter auf, das Licht wird klarer und die Farben kräftiger. Mit jedem Kilometer wird auch der Olymp deutlicher sichtbar.
Da steht er plötzlich vor, beziehungsweise neben uns.
Majestätisch, gewaltig und irgendwie so, als würde er genau beobachten, was wir da unten veranstalten. Sein Massiv mit der schneebedeckten Spitzehebt sich immer schärfer vom Himmel ab, während unten das Meer unablässig gegen den Strand drängt. Fast könnte man meinen, er wacht darüber, dass wir unseren Spaziergang ohne größere Blessuren überstehen.

Der Olymp ist schließlich nicht irgendein Berg. Für die alten Griechen war er der heilige Berg der Götter und galt als Wohnsitz des Göttervaters Zeus und seiner göttlichen Verwandtschaft. Dort oben soll Zeus mit seinen Göttern residiert haben – vermutlich mit einer ziemlich guten Aussicht und ohne Probleme mit der Parkplatzsuche.
Mit 2.918 Metern ist der Mytikas die höchste Erhebung des Olymp und gleichzeitig der höchste Berg Griechenlands. Die alten Griechen stellten sich den Göttersitz allerdings nicht unbedingt so vor, wie wir heute einen Berg sehen. Für sie war der Olymp ein geheimnisvoller Ort zwischen Himmel und Erde, an dem die Götter ihre Angelegenheiten regelten.
Und wenn man so davorsteht, kann man durchaus nachvollziehen, warum ausgerechnet dieser Berg zum Wohnsitz der Götter wurde.
Von unserer Perspektive am Meer sieht der Olymp jedenfalls beeindruckend aus. Unten das Mittelmeer, davor der Strand, unter unseren Füßen das feuchte, grobe Geröll und dahinter dieses gewaltige Bergmassiv, das sich scheinbar direkt aus der Landschaft in den Himmel schiebt. Das Licht wandert über seine Hänge, während vor uns die Wellen glitzern und hinter uns der Wind über den Strand streicht.
Irgendwie eine ziemlich perfekte Kombination.
Wir laufen also weiter am Wasser entlang, die Füße im Meer, den Wind im Gesicht und den Olymp im Blick. Das Wasser zieht sich zischend zwischen den Steinen zurück, die nächste Welle schiebt sich heran und spritzt uns gegen die Knöchel. Und natürlich gegen meiner Hose die nun komplett nass ist. Zum Glück ist es warm und alles trocknet schnell. Da hätte Heidi aber auch etwas besser auf mich aufpassen können.
Nach insgesamt sechs Kilometern erreichen wir schließlich Plaka, unser heutiges Ziel.
Und Plaka hat etwas zu bieten, das für uns mindestens genauso wichtig ist wie jede Sehenswürdigkeit: einen angeblich hervorragenden Gyros-Stand.
Das ist natürlich eine Information, die man als Reisender nicht einfach ignorieren kann.
Eigentlich wollten wir hier erst einmal einen Kaffee trinken. Aber Kaffee kann warten. Gyros nicht.
Also machen wir uns auf die Suche nach der hochgelobten Gyros-Pita. Der Laden befindet sich etwas oberhalb des Strandes und macht auf den ersten Blick genau den Eindruck, den eine ordentliche griechische Imbissbude machen sollte: eher unscheinbar, ein bisschen zweckmäßig und ohne den ganzen Schnickschnack, den man in Deutschland vermutlich erst einmal als „modernes Gastronomiekonzept“ bezeichnen würde.

Und genau solche Läden haben es ja bekanntlich oft in sich.
Je weniger Geld in die Einrichtung investiert wurde, desto größer ist manchmal die Wahrscheinlichkeit, dass das Fleisch auf dem Spieß etwas taugt.
Wir bestellen also unsere Pita und machen uns erwartungsvoll darüber her.
Und tatsächlich: Das Gyros ist sehr gut. Knusprig, würzig, ordentlich gefüllt und genau das richtige Essen nach sechs Kilometern Strandwanderung.
Aber das beste Gyros, das wir bisher in Griechenland gegessen haben?
Nein.
Dafür hat Griechenland einfach schon zu viele Gegenbeweise geliefert. Unser persönlicher Gyros-Thron bleibt also vorerst besetzt.
Nach dem Essen gönnen wir uns eine kleine Verschnaufpause. Schließlich sind wir nicht mehr die jungen Götter, die früher einmal auf dem Olymp gewohnt haben sollen. Zeus hätte wahrscheinlich einfach weitergemacht. Wir dagegen sitzen erst einmal ein bisschen herum und lassen die Nahrung ihre Arbeit erledigen.



Irgendwann machen wir uns wieder auf den Rückweg.
Natürlich nicht, ohne zwischendurch noch einen Frappé einzubauen. Schließlich muss man bei einer Wanderung auf die Flüssigkeitszufuhr achten. Und wenn diese Flüssigkeit zufällig aus Kaffee, Eiswürfeln und ziemlich viel Zucker besteht, ist das eben medizinisch gesehen unser ganz persönlicher Beitrag zur Gesundheitsvorsorge.
Unterwegs beschließe ich dann, dass heute tatsächlich der Tag gekommen ist.
Ich werde ins Meer gehen.
Nicht nur mit den Füßen.
Ganz.
Also zumindest fast ganz.
Die Ägäis hat inzwischen eine angenehm warme Temperatur und eigentlich spricht nichts dagegen.
Ich wage mich also hinein und bekomme erneut eine kostenlose Lehrvorführung über die Kraft des Wassers. Eine Welle kommt, schiebt mich zurück, die nächste nimmt mir fast den Boden unter den Füßen weg und ich stelle fest: Das Mittelmeer ist zwar wunderschön, aber es diskutiert nicht.
Man kann mit dem Meer keine Kompromisse schließen.
Das Meer gewinnt.
Immer.
Nach diesem kurzen Duell mit Poseidon treten wir entspannt die letzten drei Kilometer bis zu unserer Unterkunft an.
Und dann passiert es.
Auf den letzten Metern verliere ich das Duell endgültig.
Eine etwas größere Welle kommt heran, ich passe einmal nicht richtig auf – und schon sind meine Schuhe nass.
Komplett.
Natürlich könnte man jetzt sagen: selbst schuld.
Aber das wäre zu einfach.
Denn selbstverständlich hat Heidi eine Mitschuld.
In dem entscheidenden Moment, als die große Welle kam, hat sie mich abgelenkt.
Womit genau, lässt sich im Nachhinein nicht mehr eindeutig feststellen. Aber das spielt eigentlich auch keine Rolle. Bei einem ordentlichen Ermittlungsverfahren muss man schließlich zunächst einmal alle Beteiligten unter Verdacht stellen.
Und Heidi war nun einmal anwesend.
Damit ist die Sache für mich eigentlich geklärt.
Zurück auf unserer Terrasse machen wir es uns schließlich gemütlich. Die Füße werden hochgelegt, das Meer rauscht im Hintergrund und wir werfen einen Blick auf unsere Fitness-App.
Und dann kommt die nächste Überraschung.
Heidi ist tatsächlich rund 1.000 Schritte mehr gelaufen als ich.
Und fast einen Kilometer!
Ich schaue noch einmal auf mein Handy.
Dann auf ihres.
Dann wieder auf meines.
Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.
Wir sind schließlich die ganze Zeit zusammen unterwegs gewesen. Wir haben denselben Strand gesehen, dieselben Wellen bekämpft, dasselbe Gyros gegessen und dieselben zwölf Kilometer zurückgelegt.
Wie schafft sie es dann, fast einen Kilometer mehr auf der Uhr zu haben?
Ich vermute inzwischen eine technische Manipulation.
Oder sie hat irgendwo geheime Zusatzrunden eingebaut.
Vielleicht läuft Heidi immer dann noch ein paar Kreise um mich herum, wenn ich gerade nicht hinschaue.
Es bleibt jedenfalls ein Rätsel.
Nach einer etwas längeren Ruhepause – schließlich muss man im Urlaub auch mal vom Nichtstun erschöpft sein – begeben wir uns wieder hinaus in den Trubel der Strandpromenade.
Heute steht noch einmal Fisch auf dem Programm. Wir suchen uns deshalb eine Taverne aus, die nicht ganz so zentral liegt, dafür aber direkt am Meer. Und da es erst kurz nach sieben ist, herrscht dort noch gähnende Leere. Freie Platzwahl!
Wir suchen uns natürlich einen Platz mit Meerblick. Wenn schon Fisch, dann bitte mit passender Kulisse.
Heidi bestellt eine Fischsuppe und Calamari, ich begnüge mich nur mit Calamari. Dazu gibt es das obligatorische Eiswasser – natürlich kostenlos. Griechenland kann so einfach sein! Für Heidi kommt noch ein Glas weißer Hauswein dazu. Ich bleibe beim Wasser. Schließlich muss ja einer von uns beiden später noch halbwegs gerade zum Balkon zurückfinden.


Nachdem wir mit unserem Essen fertig sind, verändert sich die Stimmung am Meer. Der Sonnenuntergang lässt den gesamten Osten in ein leichtes Orange tauchen. Wir sitzen gemütlich in unserer Taverne, schauen aufs Meer und genießen einfach den Augenblick.
Dazu die freundlichen Menschen hier. Alles wirkt ein bisschen entspannter als bei uns zu Hause. Niemand scheint es besonders eilig zu haben. Und wenn etwas fünf Minuten länger dauert, dann dauert es eben fünf Minuten länger. Vielleicht sogar zehn. Aber wen interessiert das schon, wenn man dabei auf das Meer schauen kann?
Und dann passiert plötzlich etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben.
Am Horizont erscheint ein kleiner, rötlicher Ball.
Wir schauen genauer hin.
Das kann doch nicht sein!
Doch. Es ist tatsächlich der Mond, der sich langsam aus dem Meer zu erheben scheint. Wir sitzen da und beobachten fasziniert dieses Schauspiel. Der Mond steigt immer höher und leuchtet zunächst tatsächlich rötlich über dem Wasser. Ein richtiges kleines Naturkino – und wir haben sogar Plätze in der ersten Reihe.


Leider hat der Wettergott offenbar andere Pläne. Kaum ist der Mond ein gutes Stück nach oben geklettert, verschwindet er hinter den Wolken.
Na toll.
Da sitzt man extra gemütlich am Meer, bekommt einen spektakulären roten Mondaufgang serviert und dann zieht jemand einfach den Vorhang zu.
Aber wir haben Glück. Nach einiger Zeit kommt der Mond wieder hinter den Wolken hervor. Allerdings ist inzwischen die Sonne endgültig verschwunden und damit auch die rötliche Färbung. Jetzt leuchtet er einfach weiß über dem Meer.

Aber ehrlich gesagt: Auch das sieht wunderschön aus.
Wir sitzen noch eine Weile da und genießen den Abend. Zur Feier dieses besonderen Mondaufgangs bestellen wir uns noch einen lokalen Tsipouro mit Anis. Schließlich muss man solche Naturereignisse gebührend würdigen. Und ein Tsipouro ist dabei sicher nicht die schlechteste wissenschaftliche Methode.

Danach machen wir uns langsam wieder auf den Weg zu unserem Balkon.
Dort sitzen wir noch eine ganze Weile und beobachten das Treiben auf der Straße. Menschen gehen spazieren, Autos fahren vorbei, irgendwo wird gelacht und geredet – eben das ganz normale griechische Abendleben.
Und wir sitzen mittendrin und freuen uns einfach darüber, dass wir heute noch einen weiteren schönen Tag am Meer erleben durften.






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