Stalagtiten, Serpentinen und Meteora

24. September - Heute heißt es Abschied nehmen von Ioannina – und irgendwie fällt uns das schwerer als gedacht.
Die Stadt am wunderschönen Pamvotida-See hat uns mit ihrer Mischung aus Geschichte, Natur und griechischem Leben wirklich begeistert. Die historische Altstadt, die Festung, die kleine Insel im See, die Spuren von Ali Pascha und natürlich die beeindruckende Berglandschaft rundherum machen Ioannina zu einem richtig schönen Reiseziel.
Und das Beste: Hier geht es deutlich entspannter zu als in manch anderem touristischen Hotspot Griechenlands. Man kann schauen, schlendern, essen – und zwischendurch einfach mal die Seele baumeln lassen. Letzteres beherrschen wir inzwischen übrigens ziemlich gut.
Deshalb unser Tipp: Wenn ihr in der Nähe seid, macht einen Abstecher nach Ioannina. Die Stadt und ihre Umgebung sind definitiv einen Besuch wert.
Wir sagen jedenfalls: Ioannina, mach’s gut – vielleicht sehen wir uns ja irgendwann wieder!
Nachdem wir unser Auto vollgetankt haben, kann es nun endlich losgehen. Unser erstes Ziel liegt gerade einmal zwei Kilometer entfernt: die Perama-Höhle, die wir eigentlich schon gestern besuchen wollten.
Überall steht geschrieben, dass es dort Parkplätze gibt. Das ist allerdings ungefähr so wahr wie die Behauptung, Griechenland hätte überall gerade Straßen. Parkplätze gibt es nämlich nicht wirklich. Man stellt sich einfach dorthin, wo gerade Platz ist. Also machen wir es wie die Griechen und parken kurzerhand irgendwo am Straßenrand.
Um 9:15 Uhr stehen wir am Eingang – und erleben gleich eine Premiere: Zum ersten Mal, seit wir Rentner sind, bekommen wir tatsächlich einen Rentnerrabatt! Statt acht Euro bezahlen wir nur sechs Euro pro Person. Die vier gesparten Euro werden wir später noch sinnvoll einsetzen.
Gemeinsam mit einer tschechischen Reisegruppe machen wir uns auf den Weg in die Dunkelheit. Unsere Führerin heißt Anastasia. Da wir die einzigen Deutschen in der Gruppe sind, Anastasia ein paar Worte Deutsch spricht und wir ihr offenbar sympathisch sind, dürfen wir praktischerweise direkt hinter ihr laufen.
Das hat gleich mehrere Vorteile: Wir können nicht verloren gehen, verstehen alles und können außerdem jederzeit dumme Fragen stellen.
Die Perama-Höhle ist wirklich einmalig schön. Wir kommen aus dem Staunen kaum noch heraus. Besonders beeindruckend sind die unzähligen Stalaktiten und Stalagmiten – und wenn die beiden irgendwann zusammengewachsen sind und eine Säule bilden, sieht das schon ziemlich spektakulär aus.



Nach etwa 45 Minuten ist die Führung leider schon vorbei. Sie war nicht nur interessant, sondern auch ausgesprochen unterhaltsam, denn zwischendurch wurde ordentlich gelacht.
Wir verabschieden uns von Anastasia und geben ihr noch ein kleines Trinkgeld – finanziert aus den vier Euro Rentnerrabatt, die wir beim Eintritt gespart haben. So hat unser Rentnerstatus wenigstens gleich einen sinnvollen Zweck erfüllt.
Jetzt aber genug Höhle. Vor uns liegen rund 180 Kilometer bis zum nächsten Ziel.
Und wie wir am Ende feststellen werden, bestehen davon gefühlt ungefähr 98 Prozent aus Serpentinen. Griechenland kann eben nicht nur Höhlen – Griechenland kann auch Kurven.
Die Geschichte der Perama-Höhle
Die Perama-Höhle ist nicht einfach nur irgendeine Höhle, in der ein paar Tropfsteine von der Decke hängen. Ihre Geschichte ist fast genauso interessant wie das, was sich heute unter dem Berg verbirgt.
Entstanden ist die Höhle vor Millionen von Jahren. Das Wasser hat sich über unvorstellbar lange Zeit durch den Kalkstein gearbeitet und dabei ein unterirdisches Labyrinth aus Gängen, Kammern und riesigen Hallen geschaffen. Es hatte also reichlich Zeit – wir Menschen hätten dafür wahrscheinlich spätestens nach drei Tagen die Geduld verloren.
Lange Zeit kannte man in Perama zwar einen Höhleneingang, doch niemand ahnte, was sich dahinter verbarg. Das änderte sich während des Zweiten Weltkriegs. Als die Region von den Kämpfen und Luftangriffen betroffen war, suchten die Bewohner von Perama in der Höhle Schutz.
Und dabei muss irgendwann der Moment gekommen sein, an dem man feststellte: Moment mal … hier geht es ja noch weiter!
Immer tiefer drangen die Menschen in die Höhle vor und entdeckten nach und nach die gewaltigen unterirdischen Räume. Was zunächst nur als Zufluchtsort diente, entpuppte sich als eine der beeindruckendsten Höhlen Griechenlands.
Später nahm sich der griechische Höhlenforscher Ioannis Petrocheilos gemeinsam mit seiner Frau Anna der systematischen Erforschung an. Sie vermaßen die Höhle, untersuchten ihre zahlreichen Kammern und machten sie schließlich auch außerhalb der Region bekannt.
Dabei wurden nicht nur wunderschöne Tropfsteinformationen entdeckt. In der Höhle fand man auch Überreste eines ausgestorbenen Höhlenbären.
Heute führt ein etwa 1,1 Kilometer langer Weg durch die unterirdische Welt. Stalaktiten hängen von der Decke, Stalagmiten wachsen vom Boden nach oben und an manchen Stellen haben beide irgendwann beschlossen, sich zu verbinden. Dann entstehen diese gewaltigen Kalksteinsäulen, die aussehen, als hätte jemand sie absichtlich dort aufgestellt.
Und während wir heute ganz entspannt mit Führung und Beleuchtung durch die Höhle laufen, kann man sich kaum vorstellen, wie die Menschen während des Krieges hier im Dunkeln Schutz gesucht haben. Damals gab es keine schön ausgeleuchteten Wege und keine gemütliche Führung. Dafür wahrscheinlich jede Menge Adrenalin.
Heute ist die Perama-Höhle eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten rund um Ioannina. Und spätestens beim Rundgang wird klar: Unter diesem unscheinbaren Hügel versteckt sich eine komplette Welt, die über Millionen von Jahren langsam entstanden ist.
Da hat sich das Wasser wirklich ordentlich Zeit gelassen – aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Nach weiteren 45 Kilometern erreichen wir Metsovo, ein kleines Bergdorf, das in sämtlichen Reiseführern und vermutlich auch in den Träumen der örtlichen Tourismusmanager als „wunderschön“ angepriesen wird.
Da Metsovo sowieso auf unserer Strecke liegt, halten wir natürlich an. Zunächst drehen wir eine komplette Runde durch den Ort. Parkplätze? Fehlanzeige. Also machen wir das, was man in Griechenland offenbar irgendwann automatisch lernt: Man fährt wieder zurück zum Ortseingang und stellt das Auto einfach irgendwo hin, wo es nicht sofort im Weg steht.
Metsovo selbst haut uns jetzt nicht gerade aus den Wanderschuhen. Ich vermute inzwischen, dass der Ort einfach einen verdammt guten PR-Manager hat. Wenn wir schon einmal hier sind, schauen wir uns wenigstens noch die orthodoxe Kirche an. Die ist tatsächlich wunderschön. Fotografieren ist allerdings verboten. Also mache ich natürlich ganz diskret ein paar Fotos – rein dokumentarisch versteht sich.

Anschließend setzen wir uns noch in ein Café und trinken einen Frappé. Direkt neben uns wird bereits das Mittagessen vorbereitet: Auf dem Grill drehen sich ein Lamm und ein ordentliches Stück Kontosouvli. Da bekommt „Appetit bekommen“ plötzlich eine völlig neue Bedeutung.
Dann geht es weiter Richtung Kalambaka. Die Serpentinen sind erstaunlicherweise in einem hervorragenden Zustand.

Nur wundern wir uns zunächst über die vielen großen Haufen, die überall auf der Straße herumliegen.
Irgendwann klärt sich das Rätsel: Kühe!
Die stehen hier offenbar auf der Straße, weil sie der Meinung sind, dass ihnen die Straße gehört. Einige schauen uns beim Vorbeifahren nur völlig unbeeindruckt an. Wenn ich hupe, bewegen sie sich dann doch – vermutlich nicht aus Angst, sondern weil ich ihnen einfach auf die Nerven gehe.
Und dann kommt der große Schreck.
Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich zwei riesige Hunde auf und rennen direkt vor unser Auto. Ich trete voll auf die Bremse und kann gerade noch verhindern, dass wir ausgerechnet auf dieser einsamen Bergstraße zwei Hunde überfahren.
Die beiden interessiert das allerdings überhaupt nicht. Sie stellen sich vor unser Auto, bellen uns an und sehen dabei so aus, als hätten sie gerade beschlossen, dass unser Citroën heute ihr Mittagessen wird.
Und damit nicht genug: Selbst nachdem wir vorsichtig an ihnen vorbeigefahren sind, geben sie nicht auf. Die beiden rennen uns bestimmt 500 Meter hinterher.
Ich weiß nicht, was sie wollten. Vielleicht hatten sie Hunger. Vielleicht mochten sie unseren Citroën nicht. Oder sie wollten einfach wissen, wer diese beiden Verrückten sind, die freiwillig durch die griechischen Berge fahren.
Kurz nach 14 Uhr erreichen wir schließlich unser Gasthaus in Kalambaka. Und jetzt kommt eine Nachricht, die uns besonders freut: Direkt neben unserer Unterkunft befindet sich eine große Taverne.
Das passt hervorragend, denn inzwischen haben wir Hunger.
Also rein!
Ich bestelle Bifteki, Heidi Kalbsleber mit karamellisierten Zwiebeln. Beides ist hervorragend und verschwindet erstaunlich schnell von den Tellern.

Dicksatt beziehen wir anschließend unser Zimmer und machen erst einmal das, was Rentner nach einem ausgiebigen Mittagessen eben so machen: Siesta.
Gegen 17 Uhr rappeln wir uns wieder auf und fahren mit dem Auto die komplette Strecke zu den sechs Meteora-Klöstern ab. Die Straße ist zum Glück in einem super Zustand und so breit, dass tatsächlich drei Autos nebeneinander passen. Also theoretisch. Wir wollen es dann doch nicht ausprobieren.
Wir halten an unzähligen Aussichtspunkten, machen Fotos ohne Ende und kommen aus dem Staunen kaum heraus. Diese Landschaft ist einfach unglaublich.



Zum Abschluss fahren wir noch zu einem ganz besonderen Aussichtspunkt, von dem aus man den Sonnenuntergang beobachten kann. Von hier aus sieht man gleich mehrere Klöster, wie sie langsam in orangefarbenes Licht getaucht werden.

Ein bisschen fühlen wir uns wie im Death Valley am Zabriskie Point. Nur dass hier statt der amerikanischen Wüstenlandschaft sechs spektakuläre Klöster auf den Felsen kleben – und wahrscheinlich deutlich mehr Touristen.
Fotos machen wir natürlich trotzdem. Sehr viele sogar.
Gegen 20 Uhr sitzen wir wieder auf unserem Balkon, trinken noch etwas Kaltes und lassen den Tag langsam ausklingen.
Morgen wird es ernst: Die ersten Klöster stehen auf dem Programm.
Und weil wir möglichst vor den Touristenbussen dort sein wollen, heißt es früh aufstehen.
Sehr früh.
Also genau genommen: unverschämt früh für zwei frischgebackene Rentner.






Kommentare