Kastritsa - Zitsa - Ioannina: Kloster, Berge und das Grab von Ali Pascha

23. September - Der Morgen beginnt auch heute wieder mit – natürlich – einem wunderbaren Sonnenaufgang. Vom Bett aus können wir durch das Fenster beobachten, wie die Sonne langsam über den Horizont klettert. Es gibt wahrlich schlechtere Möglichkeiten, den Tag zu beginnen. Vor allem muss man dafür nicht einmal das Bett verlassen. Das gefällt mir grundsätzlich schon mal.
Für heute steht eine kleine Klostertour auf dem Programm. Mit dem Auto wollen wir eine rund 90 Kilometer lange Rundreise unternehmen, die uns durch Bergdörfer, kurvenreiche Straßen und an unzähligen Klöstern vorbeiführen soll. Also genau das Richtige für uns: ein bisschen Kultur, ein bisschen Landschaft und Wandern.
Übrigens liegt Ioannina gerade einmal rund 90 Kilometer von Korfu entfernt. Und auch Albanien ist mit knapp 60 Kilometern Entfernung quasi gleich um die Ecke. Man könnte also theoretisch morgens noch in Griechenland frühstücken, mittags in Albanien stehen und abends auf Korfu den Sonnenuntergang anschauen. Aber das nur am Rande.
Wir bleiben heute allerdings brav in Griechenland. Schließlich haben wir uns vorgenommen, Klöster zu besichtigen – und nicht, nebenbei noch ein anderes Land abzuhaken, obwohl Albanien auf meiner Rubbelliste noch als nicht besucht aufgeführt wird.
Also: Frühstück, Auto und los. Mal sehen, wie viele Klöster wir schaffen und wie viele Kurven unser Mietwagen heute überleben muss.

Beim Frühstück kommen wir mit einer Frau vom Nachbartisch ins Gespräch. Wobei „ins Gespräch kommen“ zunächst etwas übertrieben ist. Wir verstehen nämlich kein Wort von dem, was sie sagt, und antworten deshalb erst einmal auf Englisch, dass wir ihre Sprache leider nicht sprechen.
Daraufhin schaut sie uns etwas verwundert an und sagt auf Deutsch: „Ich dachte, ihr seid aus Deutschland. Ich dachte, ich hätte Deutsch verstanden.“
Ach so! Jetzt verstehen wir sie plötzlich auch. Und vor allem verstehen wir, dass wir uns gerade wunderbar missverstanden haben. Wir müssen alle lachen – und schon ist das Eis gebrochen.
Sie erzählt uns, dass ihr Vater aus dieser Gegend stammt und dieser Ort für sie deshalb quasi ihre zweite Heimat ist. Wir unterhalten uns über die Gegend, die wunderschönen Bergdörfer und natürlich über die beeindruckende Natur hier.
Dann erzählt sie uns von dem Gewitter gestern. Für uns war es schon ordentlich Regen und ein bisschen Weltuntergangsstimmung – für die Menschen hier allerdings offenbar deutlich mehr als das.
Ein Schäfer soll gestern sage und schreibe 80 Schafe durch einen Blitzeinschlag verloren haben. Und auch in einigen Wohnungen stand das Wasser teilweise drin. Da bekommt der Begriff „Wasser im Keller“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Und dann erfahren wir noch etwas, das wir als regenverwöhnte Mitteleuropäer erst einmal verarbeiten müssen: Hier hat es wohl seit Anfang des Jahres nicht mehr richtig geregnet.
Seit Anfang des Jahres!
Unser Frühstück entwickelt sich jedenfalls zu einer kleinen Lektion über das Leben in den Bergen: wunderschöne Landschaft, traumhafte Dörfer, viel Sonne – und wenn es dann endlich mal regnet, gibt es gleich das Komplettpaket.
Über einsame Straßen und endlose Serpentinen gelangen wir nach ungefähr 30 Minuten zu unserem ersten Stopp: Kastritsa.
Auf dem Marktplatz ist nicht gerade viel los. Eigentlich ist überhaupt nichts los. Das Örtchen wirkt wie ausgestorben. Nur ein paar ältere Herren sitzen auf einer Bank, rauchen gemütlich ihre Zigaretten und sehen dabei so aus, als würden sie hier seit mindestens 1974 sitzen und gemeinsam den letzten Tag ausmachen.
Wir schauen uns fragend an.
Hier soll also unser Kloster sein?
Hier könnte alles sein – eine Bushaltestelle, ein Altersheim, vielleicht sogar der geheime griechische Stammtisch für Männer über 70. Aber ein Kloster? Fehlanzeige.
Also drehen wir erst einmal eine Runde durch den Ort. Dabei kommen wir mehrfach an unseren neuen Freunden auf der Bank vorbei. Jedes Mal wird freundlich gewunken und gelacht. Langsam habe ich das Gefühl, dass wir nicht nur das Kloster suchen, sondern hier gerade einen kompletten Freundeskreis aufbauen. Wenn wir noch eine Runde drehen, bekommen wir wahrscheinlich einen Kaffee angeboten und müssen uns anschließend für immer verabschieden.
Auch Google Maps ist zunächst keine große Hilfe. Das Programm scheint ebenfalls keine Ahnung zu haben, wo sich dieses ominöse Kloster versteckt. Irgendwann finden wir dann doch heraus, dass unser Ziel ungefähr fünf Kilometer entfernt liegt.
Und natürlich befindet es sich – wie sollte es auch anders sein – ganz oben auf einem Berg.
Wer bisher aufmerksam mitgelesen hat, weiß inzwischen: Befindet sich in Griechenland irgendetwas auf einem Berg, dann führt der Weg dorthin grundsätzlich über eine endlose Ansammlung von engen Serpentinen. Und natürlich bildet auch unser heutiges Kloster keine Ausnahme.
Also fahren wir los.
Die Straße windet sich den Berg hinauf und hat teilweise ein Gefälle beziehungsweise eine Steigung von gefühlt 30 Prozent. Dazu kommen Kurven, die ungefähr einen Winkel von 180 Grad haben. Man fährt also hinein und weiß eigentlich erst beim Herausfahren, ob man noch auf derselben Straße ist.
Besonders spannend wird es immer dann, wenn man vor einer Kurve nicht sehen kann, was auf der anderen Seite kommt.
Heidi hat dafür inzwischen eine ganz eigene Strategie entwickelt: Sie hält sich einfach die Hand vor die Augen.
Ich finde das grundsätzlich sehr beruhigend. Schließlich sieht dann wenigstens einer von uns nicht, was uns gleich entgegenkommt.
Die Straße ist natürlich so schmal, dass sie in Deutschland vermutlich nur als Einbahnstraße zugelassen würde. Zwei Autos passen hier definitiv nicht nebeneinander. Deshalb hoffen wir bei jeder Kurve inständig, dass uns kein Fahrzeug entgegenkommt.
Nach etwa 15 Minuten Berg- und Kurvenfahrt erreichen wir schließlich das Kloster.
Und jetzt trifft uns fast der Schlag.
Der Parkplatz ist gerammelt voll!
Mit Ach und Krach ergattern wir noch einen freien Platz. Was ist denn hier heute los?
Wir schauen uns um und können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass plötzlich halb Griechenland beschlossen hat, heute einen Klostertag einzulegen.
Doch kaum steigen wir aus, hören wir bereits Gesang.
Und plötzlich wird uns klar, warum hier so viel los ist.
Wir betreten die kleine Kapelle – und stehen mitten in einem sehr feierlichen Gottesdienst.

Die Kirche ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Priester hält gerade seine Predigt, dazu erklingen die Gesänge der Geistlichen. Die Atmosphäre ist feierlich und beeindruckend.

Tja, damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.
Von einem Mann auf dem Parkplatz,wissen wir auch, warum hier heute die Hölle beziehungsweise der Himmel los ist.
Der heilige Johannes hat nämlich jedes Jahr am 23. September seinen Namenstag. Und da unser Kloster nach ihm benannt ist – Heiliges Kloster des Heiligen Johannes des Täufers von Kastritsa – herrscht hier heute so etwas wie Volksfeststimmung. Nur eben mit deutlich mehr Gebeten und deutlich weniger Bratwurst.
Es wird gesungen und gebetet, und die Gläubigen ziehen von einer Ikone zur nächsten. Jede wird ausgiebig betrachtet und natürlich auch geküsst. Wir wollen die religiösen Zeremonien selbstverständlich nicht stören und halten uns deshalb etwas im Hintergrund.
Dabei ist die kleine Kapelle wirklich beeindruckend. Das Innere ist wunderschön gestaltet: überall farbenprächtige orthodoxe Ikonen, herrliche Kronleuchter und kunstvolle Holzverkleidungen. Man weiß gar nicht, wohin man zuerst schauen soll.
Wir lassen die Gläubigen in Ruhe weiterbeten und machen uns auf den Weg zur archäologischen Ausgrabungsstätte von Kastritsa, die gleich hier oben auf dem Berg liegt.
Und auch hier lohnt sich der Aufstieg.
Von oben haben wir einen atemberaubenden Blick über das Tal, den See und die umliegenden Berge. Eine Aussicht, für die man sich durchaus ein paar Serpentinen antun kann.
Schon mehrere Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung haben sich hier Menschen niedergelassen. Heute sind noch die Grundmauern ihrer Wohnungen und einige weitere Mauerreste zu erkennen.



Wenn man sich einmal vorstellt, dass hier Menschen vor über 2.000 Jahren gelebt haben, kommt man schon ins Staunen. Keine Bagger, keine elektrischen Geräte, kein Baumarkt um die Ecke – und trotzdem haben die damals ganze Siedlungen gebaut.
Wir dagegen brauchen heute schon eine Bedienungsanleitung, um einen neuen Wasserkocher einzuschalten.
Nach ungefähr einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg zum Kloster.
Und siehe da: Der Gottesdienst ist inzwischen beendet.
Der Parkplatz ist plötzlich fast leer und wir haben jetzt die Gelegenheit, uns die Kapelle noch einmal ganz in Ruhe anzuschauen.
Dabei stellen wir allerdings fest: Irgendetwas fehlt.
Das Licht!
Während des Gottesdienstes war die Kapelle hell erleuchtet und die Ikonen strahlten in den schönsten Farben. Jetzt, wo die Kronleuchter ausgeschaltet sind, wirkt alles deutlich dunkler – und längst nicht mehr so farbenprächtig.



Wir schauen uns an und denken beide dasselbe:
Was haben wir doch für ein Glück gehabt, dass wir genau zum Gottesdienst hier waren!
Manchmal muss man eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Oder einfach nur zufällig am 23. September ein Kloster besuchen.
Jetzt geht es wieder zurück ins Tal. Und weil wir die Serpentinen ja bereits kennen und uns nur zu gut vorstellen können, was uns auf der engen Straße alles entgegenkommen könnte, haben wir eine geniale Idee.
Wir warten, bis ein anderes Auto losfährt, und hängen uns einfach dahinter.
So haben wir einen entscheidenden Vorteil: Sollte uns tatsächlich jemand entgegenkommen, können wir aus sicherer Entfernung beobachten, wie das Problem gelöst wird.
Das ist doch mal vorausschauendes Fahren.
Und sollte es ganz schiefgehen, ist wenigstens schon jemand vor uns dran.
Bis nach Zitsa sind es rund 45 Kilometer. Und natürlich sind auch diese 45 Kilometer nicht einfach nur 45 Kilometer. Wir fahren durch die Berge, vorbei an großen Pinienwäldern, kleinen Bergdörfern und riesigen Feldern mit Olivenbäumen. Die Landschaft ist wieder einmal herrlich – Griechenland zeigt uns heute erneut, dass es offenbar beschlossen hat, uns hinter jeder Kurve mit einer neuen Postkartenansicht zu überraschen.
Auch bis Zitsa hinauf bedarf es einiger Anstrengungen, allerdings sind die längst nicht so heftig wie die Fahrt zu unserem Kloster zuvor. Irgendwann haben wir es geschafft und stehen mitten in Zitsa.

Nun ja … viel zu sehen gibt es hier nicht unbedingt. Das größte Highlight ist eigentlich der fantastische Ausblick über die Landschaft. Aber dafür sind die Menschen umso freundlicher. Jeder, der uns entgegenkommt, grüßt uns und freut sich offensichtlich darüber, dass wir sein Dorf besuchen. Wir fühlen uns schon fast wie Ehrengäste.
In einem kleinen Café lassen wir uns deshalb nieder und genehmigen uns erst einmal jeder einen Frappe. Schließlich muss so eine Bergtour auch ordentlich verarbeitet werden. Danach machen wir uns wieder auf den Rückweg.

Eigentlich steht jetzt noch unsere Höhle auf dem Programm. Aber daraus wird heute nichts.
Denn Heidi hat einen anderen Plan.
Das Grab von Ali Pascha, dass wir gestern nicht fanden.
Dieses Grab hat sie offenbar die ganze Nacht beschäftigt. So sehr, dass sie kaum geschlafen hat. Und bevor wir jetzt zur Höhle fahren, muss erst einmal diese Sache geklärt werden. Heidi lässt schließlich nicht locker.
Also fahren wir wieder nach Ioannina, stellen unser Auto auf unserem mittlerweile bestens bekannten Parkplatz ab und machen uns auf den Weg in die Festung.
Bevor wir zur Pascha-Moschee hinaufsteigen, schauen wir uns noch das osmanische Bad an, das direkt unterhalb der Moschee liegt. Es wurde mit europäischen Mitteln wieder aufgebaut und vermittelt einen ganz guten Eindruck davon, wie die Osmanen hier früher gebadet haben.
Dann geht es weiter zur Moschee.
Ich gehe zum Ticketschalter und zeige dem Mann hinter der Glasscheibe unser Foto. Darauf ist die Grabstelle von Ali Pascha deutlich zu sehen.
Ich frage ihn also, wo sich das Grab befindet.
Seine Antwort kommt prompt:
Nein. Das Grab befindet sich nicht hier. Ihr müsst wieder zurück und links die Straße entlanglaufen.
Okay.
Ich frage sicherheitshalber noch einmal nach.
Die Antwort bleibt dieselbe.
Zurück und links.
Also laufen wir los.
Wir suchen. Wir schauen. Wir suchen noch einmal.
Aber kein Grab.
Nichts. Gar nichts.
Wir durchsuchen praktisch das komplette Gelände. Wenn Ali Pascha irgendwo persönlich auftauchen würde, könnte er uns wahrscheinlich sogar beim Suchen beobachten und sich köstlich über uns amüsieren.
Schließlich kommt uns zufällig ein Bauarbeiter entgegen. Perfekt! Wir fragen ihn nach dem Weg.
Dumm nur: Er spricht kein Englisch.
Also versucht er es mit Händen und Füßen und zeigt – natürlich – nach links.
Na super.
Wir folgen seiner äußerst präzisen Wegbeschreibung und stehen nach einiger Zeit wieder auf der Straße am See.
Das Grab haben wir allerdings immer noch nicht gefunden. Langsam bekomme ich den Eindruck, dass Ali Pascha gar nicht gefunden werden möchte.
Dann entdecken wir auf einer Bank zwei junge Frauen. Die sehen so aus, als könnten sie Englisch sprechen. Also starten wir Versuch Nummer drei.
Wir zeigen wieder unser Foto und erklären, was wir suchen. Und siehe da: Die beiden wissen tatsächlich, wo das Grab ist!
Sie zeigen uns ungefähr die Richtung, in die wir laufen müssen.
Aha!
Das Grab existiert also tatsächlich.
Jeder kennt es. Nur wir nicht.
Aber jetzt haben wir wenigstens eine Richtung. Also laufen wir los und folgen der Wegbeschreibung der beiden. Und nach ein paar Minuten stehen wir vor dem Byzantinischen Museum.
Und plötzlich dämmert es uns: Das ist gar nicht einfach nur ein Museum.
Das Gelände ist riesig und voller Relikte aus der Zeit des Osmanischen Reiches. Hier steht unter anderem noch eine weitere Moschee – und davor befindet sich tatsächlich das Grab von Ali Pascha.
Da ist es!
Heidi ist glücklich.
Ich bin erleichtert.

Und gleichzeitig frage ich mich:
Hätte man nicht einfach sagen können, dass das Grab beim Byzantinischen Museum liegt?
Oder vielleicht:
„Gehen Sie einfach zum Museum, da steht die Moschee und davor ist das Grab.“
Nein.
Das wäre vermutlich zu einfach gewesen.
Stattdessen mussten wir erst den Ticketschalter befragen, anschließend einen Bauarbeiter ohne Englischkenntnisse, zwei junge Frauen und gefühlt halb Ioannina.
Aber egal.
Heidi hat ihr Grab gefunden.
Und damit ist endlich Ruhe.
Zumindest für heute.
Mittlerweile ist es schon fast 16:30 Uhr und unsere Mägen melden sich deutlich zu Wort. Sie verlangen inzwischen nicht mehr nach Kultur, Geschichte oder osmanischen Bauwerken, sondern ganz eindeutig nach etwas Essbarem.
Also gehen wir ohne große Kompromisse wieder in dieselbe Gaststätte wie gestern.
Heidi entscheidet sich für Moussaka, ich nehme Kontosouvli.

Und plötzlich sind alle Probleme dieser Welt vergessen.
Gut gestärkt fahren wir anschließend zurück zu unserer Unterkunft. Da es immer noch angenehm warm ist, ziehen wir uns schnell die Badesachen an und springen noch eine Runde in den Pool.
Das haben wir uns nach dieser erfolgreichen Ali-Pascha-Schnitzeljagd schließlich verdient.
Morgen früh heißt es dann leider Abschied nehmen von Ioannina.
Bevor wir weiterfahren, steht allerdings noch ein Punkt auf unserem Programm: die Höhle.
Die haben wir heute erfolgreich gegen das Grab von Ali Pascha eingetauscht.
Morgen bekommt sie ihre Chance.
Danach geht es weiter nach Kalambaka.
Und dort wartet eines meiner persönlichen Highlights dieser Reise auf uns:
Meteora mit seinen spektakulären Klöstern.
Ich bin gespannt, was uns dort erwartet.
Und vor allem bin ich gespannt, ob wir dort etwas finden, ohne vorher eine Schnitzeljagd veranstalten zu müssen.






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