Ali Pascha, die Insel und die Altstadt

22. September - Heute schlafen wir erst einmal aus. Schließlich sind wir im Urlaub und nicht auf der Flucht. Außerdem wollen wir Ioannina heute zu Fuß erkunden. So ist zumindest der Plan.
Gegen 9:30 Uhr machen wir uns also auf den Weg. Zu Fuß wäre das natürlich besonders konsequent gewesen. Allerdings liegt unser kostenloser Parkplatz mitten in der Innenstadt, in der Nähe der Festung – und knapp sieben Kilometer von unserem Hotel entfernt. Also fahren wir doch erst einmal ein Stück mit dem Auto. Man muss ja nicht gleich am ersten Tag übertreiben.
Der Wetterbericht verspricht für 12 Uhr Regen. Kurz darauf bekommt er offensichtlich noch Lust auf etwas Action und ergänzt ein kleines Gewitter. Na wunderbar. Aber wir kennen unsere Wetter-App inzwischen. Meistens erzählt sie uns irgendwelche Geschichten, die mit dem tatsächlichen Wetter ungefähr so viel zu tun haben wie ein griechischer Wetterfrosch mit Meteorologie.
Wir lassen uns also überraschen.
Am kostenlosen Parkplatz angekommen, stellen wir fest, dass die Griechen offenbar dieselbe Idee hatten wie wir. Der Parkplatz ist schon ziemlich voll. Aber wir haben Glück und ergattern tatsächlich noch ein freies Plätzchen. Wieder einmal bestätigt sich: Nicht alles, was kostenlos ist, muss automatisch unmöglich sein.
Dann geht es endlich zu Fuß los.

Unser erster Programmpunkt ist die Festung von Ioannina und dort die Ali-Pascha-Moschee.
Der Eintritt kostet vier Euro pro Person. Das Geld dient der Instandhaltung des großen Areals rund um die Moschee. Also zahlen wir das gerne. Schließlich wollen wir ja nicht nur Eintritt bezahlen, sondern auch dafür sorgen, dass beim nächsten Besuch noch etwas von der Festung übrig ist.
Ali Pascha selbst ist in Ioannina ohnehin allgegenwärtig. Er ist quasi der örtliche Nationalheld – oder zumindest jemand, an dem man hier nicht vorbeikommt. Sein Name taucht gefühlt an jeder zweiten Ecke auf. Wenn man lange genug durch die Stadt läuft, erwartet man eigentlich irgendwann, dass Ali Pascha persönlich hinter einer Hausecke steht und fragt, warum wir so spät kommen.
Wir schauen uns also erst einmal seine Moschee an und tauchen damit direkt in die Geschichte Ioanninas ein.
Und während wir noch durch das Gelände mit Moschee, Mausoleum und Gräbern laufen, behalten wir natürlich den Himmel im Auge. Schließlich soll um zwölf Uhr der Regen kommen. Und wenn unsere Wetter-App heute ausnahmsweise einmal recht behalten sollte, gibt es dazu sogar noch ein Gewitter.
Aber wie gesagt: Wir lassen uns überraschen.
Die Ali-Pascha-Moschee steht auf dem höchsten Teil der Zitadelle Its Kale. An dieser Stelle soll zuvor eine byzantinische Kirche gestanden haben. Die Moschee selbst geht auf die osmanische Zeit zurück, ihre heutige Gestalt erhielt sie aber erst unter Ali Pascha im Jahr 1795. Sie war damals praktisch die Hofmoschee seines Palastes.



Interessant ist vor allem das Innere: Die Kuppel ist mit Blumen-, Früchte- und geometrischen Mustern sowie arabischen Inschriften verziert. Auch der Mihrab, also die Gebetsnische, ist aufwendig mit Stuck gestaltet. Heute befindet sich in der Moschee eine Ausstellung über Ioannina während der Herrschaft Ali Paschas und die späte osmanische Zeit.
Das Mausoleum und Ali Paschas Grab
Direkt neben der Moschee befindet sich das offene Grabmal von Ali Pascha und einer seiner Frauen. Das Mausoleum ließ Ali Pascha bereits 1800 errichten – allerdings nicht für sich selbst, sondern nach dem Tod seiner Frau Ummgülsüm. Dass er später tatsächlich selbst dort landen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht wissen.
Und jetzt wird die Geschichte ziemlich makaber:
Ali Pascha wurde 1822 auf der Insel im Pamvotida-See getötet. Die Osmanen hatten ihn nach seinem Aufstand gegen die Zentralregierung zum Geächteten erklärt. Nach seiner Tötung wurde sein Kopf abgetrennt und nach Konstantinopel (heute Istanbul) gebracht. Sein Körper dagegen wurde nach Ioannina zurückgebracht und neben der Moschee beigesetzt. Deshalb liegt hier heute tatsächlich Ali Paschas kopfloser Körper – sein Kopf befindet sich nicht im Grab.
Weiter geht’s zum Pamvotida-See. Von hier fahren ungefähr alle halbe Stunde Boote zur Insel von Ioannina. Die Überfahrt kostet 2,50 Euro pro Person und dauert etwa zehn Minuten.

Die Insel ist vor allem wegen Ali Pascha bekannt. Hier verbrachte er seine letzten Tage und wurde 1822 im heutigen Ali-Pascha-Museum getötet. Außerdem gibt es auf der kleinen Insel mehrere Klöster, die vor allem wegen ihrer wunderschönen Fresken berühmt sind.
Kaum sind wir auf der Insel angekommen, fängt es allerdings an zu nieseln.
Natürlich.
Zum Glück stehen wir gerade direkt vor einem Café. Das Schicksal meint es also doch gut mit uns. Wir nutzen die Gunst der Stunde, retten uns unter das Dach und bestellen erst einmal einen Frappé. Schließlich kann man Regen auch aussitzen. Und mit einem kalten Getränk in der Hand sieht selbst schlechtes Wetter gleich ein bisschen besser aus.
Ungefähr fünf Minuten später hat der liebe Nieselregen allerdings beschlossen, erwachsen zu werden. Aus ein paar Tropfen wird kräftiger Regen und wenig später ein ausgewachsener kleiner Regensturm.
Innerhalb kürzester Zeit flüchten sämtliche Gäste aus dem Außenbereich ins Restaurant. Der Wirt dürfte sich über diese spontane Umsatzsteigerung gefreut haben. Man könnte fast sagen: Petrus hat heute die Gastronomie unterstützt.
Und dann passiert auch noch genau das, was meine Wetter-App angekündigt hat.
Blitze. Donner. Regen.
Warum kann sich diese blöde App eigentlich nicht ein einziges Mal irren, wenn es wirklich darauf ankommt?
Wir sitzen aber gemütlich im Trockenen und schauen dem Spektakel zu. Nach ungefähr einer Stunde hat der Himmel dann offenbar genug und stellt den Betrieb wieder ein.

Wir bezahlen unseren Frappé und machen uns endlich auf den Rundgang über die Insel.
Hier sollen drei besonders schöne Klöster stehen, die für ihre beeindruckenden Fresken bekannt sind. Eigentlich sollten sie geöffnet sein.
Eigentlich.
Denn natürlich sind alle drei geschlossen.
Später erfahren wir von einer Dame im Museum, dass die Klöster wegen des starken Regens geschlossen wurden.
Aha.
Das ist dann wohl griechische Logik: Es regnet, deshalb schließt man die Gebäude, in denen man wunderbar trocken stehen könnte.
Na gut. Wir nehmen es sportlich und schauen uns stattdessen das Ali-Pascha-Museum an.

Das Museum ist ganz nett und natürlich historisch interessant. Allerdings haben wir ein kleines Platzproblem. Die vielen Ausstellungsstücke stehen beziehungsweise hängen teilweise so dicht beieinander, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Dadurch geht leider ein bisschen von der eigentlichen Schönheit der Exponate verloren.
Dafür ist die Insel selbst eine echte Überraschung.
Autos gibt es hier nämlich nicht. Auf der Insel herrscht Autoverbot. Dafür stehen erstaunlich viele Wohnhäuser in den engen Gassen, die sich kreuz und quer durch den Ort ziehen.
Und genau diese Gassen machen richtig Spaß.
Man läuft einfach drauflos, biegt mal links, mal rechts ab und entdeckt ständig wieder irgendeine kleine Ecke, ein altes Haus, einen Innenhof oder eine versteckte Tür.



Leider ist meine App, mit der ich diesen Bericht schreibe, so schlecht geworden, dass ich keine Galerien mehr hinzufügen kann. Auch sind viele Funktionen fehlerhaft, oder werden gar nicht mehr angeboten.
Man sollte allerdings nicht zu sehr auf die Umgebung starren.
Denn die wunderschönen alten Steinwege haben eine Eigenschaft, die man ihnen auf den ersten Blick gar nicht ansieht: Sie sind verdammt rutschig. Vor allen Dingen nach Regen.
Ein falscher Schritt und aus dem gemütlichen Inselrundgang wird ganz schnell ein unfreiwilliger Bodenkontakt.
Nach insgesamt etwa drei Stunden haben wir genug gesehen und treten langsam den Rückzug zum Festland an.
Aber natürlich nicht, ohne vorher noch unser erstes Souvenir zu ergattern.
Und wie immer ist es ganz besonders wichtig:
Es darf nicht Made in China sein.
Damit ist die wichtigste Mission des Tages erfolgreich abgeschlossen.
Ali Pascha, drei Klöster, ein Museum, ein Regensturm, rutschige Steine und ein Souvenir mit echtem Inselbonus – für einen eigentlich gemütlich geplanten Ausflug kann man das durchaus als gelungenen Tag verbuchen.
Jetzt haben wir aber erst einmal Hunger. Und zwar richtig.
Die Altstadt liegt direkt vor uns und gestern haben wir dort ein Restaurant entdeckt, das ziemlich voll war. Ein gutes Zeichen, denken wir. Wo viele Griechen sitzen, kann das Essen ja nicht schlecht sein.
Also nichts wie hin.
Nach kurzer Wartezeit bekommen wir tatsächlich einen freien Tisch und auch gleich die Speisekarte. Allerdings gibt es da ein kleines Problem: Die Speisekarte enthält ungefähr ein Viertel von dem, was wir im Internet gesehen hatten.
Na prima.
Das, was tatsächlich angeboten wird, ist natürlich genau das, was wir nicht essen wollen.
Die Kellner schauen uns etwas erstaunt an. Wir schauen zurück. Nach einem kurzen inneren Meinungsaustausch – der ungefähr drei Sekunden dauert – stehen wir wieder auf und gehen.
Die vielen Menschen, die vor dem Restaurant auf einen freien Tisch warten, schauen uns dabei an, als wären wir gerade komplett verrückt geworden.
Kaum 100 Meter weiter finden wir ein anderes griechisches Restaurant. Und siehe da: Hier gibt es tatsächlich genau das, worauf wir Appetit haben.
Also nehmen wir Platz.
Ich bestelle Lammkoteletts und Heidi überrede ich, statt Moussaka doch lieber Kontosouvli zu nehmen.
Wobei Heidi an dieser Stelle, während ich diese Zeilen schreibe, energisch dazwischenruft, dass ich sie überhaupt nicht überreden musste. Sie habe das Kontosouvli ganz freiwillig selbst ausgesucht.
Ja, ja.
Ich habe es verstanden.
Ich habe lediglich eine völlig unbedeutende beratende Funktion übernommen.
Bei der Bestellung kommt es dann noch zu einem kleinen Kommunikationsproblem. Wir bestellen einen halben Liter Weißwein, benötigen aber nur ein Glas.
Die Kellnerin schaut mich verständnislos an und fragt noch einmal nach:
„Nur ein Glas?“
„Nein“, sage ich. „Der halbe Liter ist schon richtig. Aber wir brauchen nur ein Glas.“
Irgendwann scheint nun der Groschen zu fallen.
Die Quintessenz der Geschichte:
Heidi bekommt ein Glas Weißwein.
Und zum Nachspülen gleich noch einen halben Liter desselben Getränks.
Ich bekomme Angst.
Schließlich muss ich Heidi später noch irgendwie nach Hause bringen.
Dann kommt das Essen.
Und jetzt muss ich einmal ganz deutlich werden: Dieses Kontosouvli ist mit Abstand das beste Fleisch, das ich bisher in Griechenland gegessen habe.
Wir haben es vorher auch noch nirgendwo auf der Speisekarte gesehen. Geschmacklich erinnert es mich ein bisschen an einen richtig guten Mutzbraten. Saftiges Fleisch, kräftig gewürzt und langsam am Spieß gegart.
Einfach nur lecker.
Ich muss hier noch hinzufügen, dass mein Lammkotelett auch Spitze war.



Zum Abschluss gibt es für alle Gäste noch ein Eis aufs Haus. Keinen Ouzo. Ein Eis.
Was eigentlich ganz interessant ist, denn diesen berühmten Gratis-Ouzo bekommt man in nie Griechenland, eigentlich nur in Deutschland.
Also wieder auf der Straße sind, möchte ich eigentlich nur noch schnell ein Foto vom Kontosouvli machen. Das Wort bedeutet sinngemäß so etwas wie „großer Spieß“.
Doch dann kommt der Grillmeister auf mich zu und fragt, woher ich komme.
„Deutschland.“
Das ist offenbar das Stichwort.
Ich erzähle ihm, dass ich gerne wissen würde, wie dieser Spieß hergestellt wird.
Seine Augen beginnen zu leuchten.
Denn wie sich herausstellt, hat er selbst viele Jahre in Göttingen gelebt.
Fehler gemacht. Jetzt bin ich sein Opfer.
Endlich hat er jemanden gefunden, an dem er seine Deutschkenntnisse wieder auspacken kann. Und zwar nicht in Form von drei Sätzen, sondern offenbar im Rahmen eines kompletten Sprachkurses.
Er erklärt mir geduldig, welches Fleisch verwendet wird, wie es gewürzt und auf den Spieß gesteckt wird und wie es schließlich langsam gegrillt wird.

Ich nicke interessiert, stelle Fragen und versuche gleichzeitig, mich daran zu erinnern, wo eigentlich der Ausgang aus der Küche war.
Irgendwann schaffe ich es tatsächlich wieder ans Tageslicht.
Aber der Grillmeister ist wirklich ein netter Kerl und freut sich ehrlich darüber, dass es uns so gut geschmeckt hat. Und ich habe neben einem hervorragenden Essen auch noch eine kleine Lektion in griechischer Grillkunst und deutsch-griechischer Völkerverständigung bekommen.
Eine halbe Stunde später stehen wir wieder mit unserem Auto vor dem Hotel.
Wir schleppen uns ins Zimmer, lassen uns aufs Bett fallen und freuen uns darauf, endlich die Beine hochzulegen.
Und wenn wir den Tag einmal Revue passieren lassen, war es einfach ein wunderschöner Tag.
Vor allem Ioannina hat es uns angetan.
Eine tolle Stadt mit kleinen, verwinkelten Gassen, vielen schönen Restaurants, der Festung, der Insel und natürlich dem riesigen Pamvotida-See.
Und vor allem: Hier spürt man erstaunlich wenig von dem üblichen Griechenland-Tourismus.
Keine Menschenmassen, die sich durch die Gassen schieben. Keine Souvenirläden an jeder Ecke. Stattdessen eine lebendige Stadt, in der die Menschen tatsächlich leben, essen und arbeiten.
Für uns ist Ioannina deshalb eine echte versteckte Perle.
Und wenn man hierherkommt, sollte man unbedingt eines probieren:
Kontosouvli.
Aber Vorsicht beim Weißwein.
Vor allem, wenn man anschließend noch jemanden nach Hause fahren muss.
Kurz bevor der Sonnenuntergang beginnt, begeben wir uns auf unseren Balkon. Schließlich muss man bei einem solchen Naturschauspiel vorbereitet sein. Also holen wir uns zwei Kaltgetränke und nehmen auf unseren Balkonstühlen Platz.

Unsere Hoffnung: Heute bekommen wir wieder so einen spektakulär roten Himmel wie gestern Abend.
Und tatsächlich: Knapp drei Minuten früher als gestern beginnt die Sonne, hinter dem Horizont zu verschwinden.
Sie liefert wieder eine beeindruckende Vorstellung ab und taucht den Himmel in wunderschöne Farben. Wir sitzen da, trinken Mythos und Wein und schauen einfach nur zu. Urlaub kann manchmal wirklich anstrengend sein.


Doch kaum ist die Sonne verschwunden, macht sich auch schon die andere Seite des Naturgesetzes bemerkbar: Es wird merklich kühler.
Damit ist für uns klar: Jetzt heißt es handeln!
Wir packen unsere sieben Sachen – wobei sich das bei uns glücklicherweise auf deutlich weniger als sieben Dinge beschränkt – und verschwinden ins Bett.
Schließlich soll man einen gelungenen Urlaubstag nicht dadurch ruinieren, dass man nachts noch unnötig wach bleibt.






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