Hasselt - Brüssel
- Holger Schweitzberger

- vor 11 Minuten
- 7 Min. Lesezeit

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26. Juli
Der Tag beginnt heute ungewöhnlich früh. Um 6:25 Uhr klingelt der Wecker – eine Uhrzeit, zu der normale Urlauber sich noch einmal umdrehen. Ich dagegen springe aus dem Bett. Na gut, springe ist vielleicht etwas übertrieben. Eher ein kontrolliertes Herausrollen.
Der Grund für diese unmenschliche Uhrzeit ist unser Auto. Ab 7:00 Uhr herrscht vor dem Hotel Halteverbot. Also schleiche ich durch die noch menschenleeren Straßen von Hasselt, setze unseren treuen blauen Pfeil in einem Parkhaus ab und lasse ihn dort für die nächsten drei Stunden zurück. Nur 200 Meter Fußweg – das schafft selbst ein verschlafener Rentner.

Zurück im Hotel erwartet uns ein ausgezeichnetes Frühstück. Serviert wird es von zwei Oberkellnern, die offensichtlich eine Ausbildung an der königlichen Schauspielschule absolviert haben. Jede Bewegung sitzt, jede Geste wirkt einstudiert. Es fehlt eigentlich nur noch, dass einer den Kaffee jongliert und der andere dabei Opernarien singt.
Weniger elegant verhalte ich mich anschließend auf dem Weg zum Zimmer. Zum dritten Mal stolpere ich über dieselbe unterste Treppenstufe. Beim ersten Versuch wäre ich beinahe mit voller Wucht auf den Zähnen gelandet. Ich konnte mich damals gerade noch etwa fünf Zentimeter vor der Katastrophe abfangen. Seitdem weiß ich: Belgische Treppen sind keine Treppen – sie sind Eignungstests für Bergziegen. Steil, schmal und so gebaut, als hätte der Architekt ausschließlich an Menschen mit Schuhgröße 32 gedacht.
Nach dem Auschecken holen wir unser Auto aus dem Parkhaus. Beim Bezahlen der Parkkarte trifft uns fast der Schlag: 14,50 Euro für etwas mehr als drei Stunden.
4,50 Euro pro Stunde in Hasselt!
Für das Geld hätte ich erwartet, dass das Auto in der Zwischenzeit gewaschen, poliert und mit frischen Blumen dekoriert wird. Aber gut – immer noch günstiger als 200 Euro Knöllchen wegen Falschparkens. Man muss die kleinen Erfolge feiern.
Bevor wir nach Brüssel fahren, legen wir einen Zwischenstopp in Diest ein. Dort soll es eine schöne Zitadelle geben. Nach etwa 40 Minuten erreichen wir die Stadt und stellen fest, dass offenbar sämtliche Belgier dieselbe Idee hatten. Mit Ach und Krach ergattern wir den letzten freien Parkplatz.
Von der berühmten Zitadelle sehen wir zunächst… nichts.
Dafür sehen wir Menschen. Sehr viele Menschen.
Sie strömen alle zielstrebig den Hügel hinauf. Erst glauben wir, dort müsse etwas Spektakuläres stattfinden. Stimmt auch. Ab 10 Uhr beginnt der Flohmarkt, und gefühlt jeder Belgier im Umkreis von 20 Kilometern ist heute auf Schnäppchenjagd.
Wahrscheinlich sucht jemand genau den Toaster, den ein anderer seit 30 Jahren im Keller stehen hat.
Immerhin werden wir oben mit einem schönen Blick über Diest belohnt. Der Ausblick ist tatsächlich das Highlight. Also marschieren wir anschließend in die Altstadt. Der Wegweiser verspricht fünf Minuten Fußweg – und ausnahmsweise lügt er nicht.
Der Grote Markt ist hübsch anzusehen. Nach ziemlich genau fünf Minuten haben wir allerdings auch wirklich alles gesehen. Rekordverdächtig. Also zurück zum Auto.
Unser nächster Halt heißt Averbode. Dort befindet sich ein Kloster, dessen Mönche Bier und Käse herstellen und verkaufen. Das klingt nach genau der richtigen Mischung aus Kultur und Kulinarik.
Leider erfahren wir am Eingang: Ruhetag.
Natürlich.
Die Mönche arbeiten offenbar nach dem Motto: “Der Herr ruhte am siebten Tag – wir heute auch.”
Also bleibt uns nichts anderes übrig, als direkt nach Brüssel weiterzufahren.
Je näher wir der Hauptstadt kommen, desto dichter wird der Verkehr. Gleichzeitig scheint die Höflichkeit der Autofahrer proportional abzunehmen. Gefühlt nehmen wir jede rote Ampel mit, die Belgien zu bieten hat.
Vor unserem Hotel angekommen, wartet schon die nächste Herausforderung: Es gibt keine Möglichkeit, direkt davor zu halten. Also drehen wir drei Ehrenrunden durch die Straßen von Brüssel, bevor wir endlich unser Parkhaus finden. Langsam kennen wir uns hier besser aus als das Navigationsgerät.
Im Hotel sind wir deutlich zu früh. Check-in ist erst um 16 Uhr, unsere Uhr zeigt gerade einmal 13 Uhr. Immerhin dürfen wir unser Gepäck abstellen, erledigen den Papierkram und machen uns sofort auf den Weg in die Innenstadt.

Unser Hotel liegt zwar offiziell mitten in Brüssel – allerdings an der Definition von “Mitte”, bei der man noch knapp 900 Meter bis zum Grand-Place laufen muss.
Schon nach wenigen Minuten merken wir den Unterschied zu den anderen belgischen Städten. Hier herrscht Großstadtbetrieb. Menschen überall. Autos überall. Hektik überall. Niemand scheint Zeit zu haben – außer den Touristen, die mitten auf dem Gehweg stehen bleiben, um Selfies zu machen.
Ich hingegen befinde mich auf einer ganz anderen Mission: der Suche nach einem guten alkoholfreien Bier.
Ein schwieriges Unterfangen.
Die meisten Kneipen bieten genau zwei Sorten an. Beide schmecken ungefähr so, als hätte jemand Bier neben einem Glas Wasser ausgesprochen.
Dann erreichen wir den Grand-Place.
Was für ein Platz!
Goldene Fassaden, prachtvolle Gebäude und beeindruckende Architektur. Mir gefällt er bislang am besten von allen Städten unserer Reise.
Heidi sieht das etwas nüchterner.
„Der ist mir gar nicht belgisch genug.“
Ganz unrecht hat sie nicht. So viel Gold hätte selbst Ludwig XIV. wahrscheinlich als leicht übertrieben empfunden.
Alle zwei Jahre wird hier im August ein riesiger Blumenteppich aufgebaut. Den durften wir bei einem früheren Besuch bereits bewundern. Dieses Mal haben wir Pech – schließlich wurde er erst im vergangenen Jahr ausgelegt.
Wir gönnen uns stattdessen eine Pause in einer Brasserie und anschließend den kulinarischen Pflichttermin jeder Belgienreise: den Waffeltest.
Brüsseler gegen Lütticher.
Das Rennen gewinnt für uns knapp die Lütticher Waffel. Der Hefeteig macht sie weicher, saftiger und irgendwie sympathischer. Die Brüsseler Waffel wirkt dagegen ein bisschen wie ihr dandyhaft auftretender Cousin.

Kurz darauf kommen wir an gleich zwei Pommesbuden vorbei. Vor beiden stehen Schlangen von mindestens 30 Metern.
Offenbar muss es dort die besten Pommes Belgiens geben.
Oder die langsamsten Fritteusen Europas.
Beim näheren Hinsehen sehen die Fritten allerdings genauso aus wie alle anderen, die wir bisher gegessen haben.

Überhaupt muss ich an dieser Stelle einmal mit einem Mythos aufräumen.
Belgische Pommes sind gut.
Aber dieses weltbewegende Geschmackserlebnis, von dem alle reden?
Das haben wir irgendwie verpasst. Vielleicht hätten wir uns doch zwei Stunden anstellen müssen. Oder unsere Geschmacksnerven hatten einfach schon Urlaub.

Wir schlendern noch ein wenig durch die verwinkelten Gassen Brüssels, um dem Manneken Pis persönlich guten Tag zu sagen. Er verrichtet seinen Job offenbar mit bewundernswerter Ausdauer – genau an derselben Straßenecke wie schon vor 32 Jahren. Manche Dinge ändern sich eben nie.
Vor ihm drängt sich eine Menschenmenge, als würde dort gerade der neue Papst vorgestellt. Hunderte Touristen zücken ihre Handys, suchen den perfekten Blickwinkel und versuchen, den kleinen Kerl möglichst groß in Szene zu setzen.

Besonders die asiatischen Reisegruppen verfolgen dabei eine ganz eigene Strategie: Das Manneken Pis dient hauptsächlich als dekorativer Hintergrund. Die eigentliche Attraktion auf den Fotos sind sie selbst. Da wird gelächelt, posiert, die Finger zum Victory-Zeichen geformt und notfalls zwanzigmal neu fotografiert, bis auch wirklich jeder Haaransatz perfekt sitzt. Das berühmteste pinkelnde Wahrzeichen Belgiens muss sich dabei geduldig mit einer Statistenrolle zufriedengeben.
Auch auf Tim und Struppi treffen wir noch einmal, klar, dass die beiden in dem Reisebericht noch einmal erwähnt werden müssen.

Langsam werden wir müde und laufen zurück zum Hotel. Dort beziehen wir endlich unser Zimmer im sechsten Stock.
Zum Lunch gibt es zunächst unsere letzten Frühstücksreserven: die verbliebene Wurst, den restlichen Käse und einen Kaffee.
Anschließend fallen wir erschöpft aufs Bett.
Heute Abend wollen wir noch einmal losziehen und irgendwo essen gehen.
Nur eines steht schon jetzt fest:
Muscheln wird es heute definitiv nicht geben.
Irgendwann ist selbst für die größte Muschelliebe Schluss.
19:00 Uhr machen wir uns noch einmal auf den Weg in die Altstadt. Eigentlich sind wir vom späten Mittagessen immer noch pappsatt. Der Plan lautet deshalb: nur etwas trinken und vielleicht noch einen kleinen Snack für Zwischendurch.
Vorher fotografieren wir unten in der Lobby noch ausgiebig unser Hotel. Das Gebäude ist weit über 100 Jahre alt und hat sich seinen herrlich nostalgischen Charme bewahrt. Dabei kommen wir mit einem jüngeren Herrn ins Gespräch, der offenbar jede Ecke des Hauses kennt. Er erzählt uns begeistert die Geschichte der Bar, in der wir gerade stehen. Besonders stolz ist er auf die Kuppel an der Decke. Ursprünglich bestand sie komplett aus Glas. Dann kam der Zweite Weltkrieg – und die Deutschen machten aus der Glaskuppel Kleinholz.
Später quartierten sich deutsche Offiziere im Hotel ein. Da eine offene Kuppel offenbar eher unpraktisch war, wurde sie geschlossen und kurzerhand mit einem Himmel samt Schäfchenwolken bemalt. Seitdem blickt man beim Biertrinken eben nicht mehr ins Freie, sondern auf Dauerwolken.
Zum Abschied fragt er uns, woher wir kommen.
„Germany.“
Ich zeige nach oben auf die bemalte Kuppel und sage: „Sorry… wir sind schuld.“
Für einen kurzen Moment herrscht betretenes Schweigen. Dann müssen wir beide laut lachen und verabschieden uns bestens gelaunt.
Auch das alte Treppenhaus begeistert mich. Es sieht genauso aus wie in diesen alten Jean-Gabin-Filmen, in denen die Kamera von oben in die Tiefe blickt und man automatisch einen Schritt vom Geländer zurücktritt. Schwindel inklusive. Fehlt eigentlich nur noch ein Detektiv mit Trenchcoat und Zigarette.

Brüssel hatte ich ehrlich gesagt gar nicht so schön in Erinnerung. Je länger wir durch die Gassen schlendern, desto besser gefällt uns die Stadt. Wir stöbern durch unzählige Schokoladengeschäfte. Die Auslagen sehen fantastisch aus, die Preise allerdings ebenfalls – allerdings eher wie Kunstwerke als wie Lebensmittel.
Wir bleiben deshalb vernünftig und gönnen uns lediglich zwei „Genter Näschen“. Diese Spezialität sieht aus wie eine Räucherkerze auf Wachstumshormonen. Heidi wollte sie unbedingt einmal probieren. Also beißen wir mutig hinein.
Der erste Bissen.
Der zweite Blick.
Dann sehen wir uns wortlos an.
Die Dinger schmecken ungefähr so, wie ich die Füllung dieser seltsamen Ostereier aus meiner Kindheit in Erinnerung habe – süß, klebrig und irgendwie falsch. Immerhin hatten wir nur zwei gekauft. Finanzielle Verluste hielten sich also in Grenzen.

Obwohl heute Montag ist, sind sämtliche Restaurants und Kneipen brechend voll. Offenbar hat ganz Brüssel beschlossen, den Wochenanfang kollektiv zu ignorieren. Irgendwo ergattern wir schließlich doch noch einen Tisch. Heidi bestellt ein letztes Kriek. Ich als überzeugter Nichttrinker fühle mich inzwischen wie ein Veganer auf einem griechischen Grillfest.

Alkoholfreies Bier gibt es zwar fast überall – meistens genau zwei Sorten. Und selbstverständlich sind es ausgerechnet die beiden, die schmecken, als hätte jemand Hopfen mit Spülwasser verwechselt. Findet man dann doch einmal ein richtig gutes alkoholfreies Bier, kostet es ungefähr so viel wie ein kleiner Gebrauchtwagen.
Auf dem Heimweg kommen wir an einer Frittenbude vorbei, vor der am Nachmittag noch eine Schlange bis fast nach Antwerpen gereicht hätte. Jetzt ist niemand mehr da. Im Nachhinein wissen wir auch warum.
Wir bestellen eine große Portion mit Tatarsauce.
Was soll ich sagen? Das waren ohne jede Konkurrenz die schlechtesten Pommes unseres Lebens. Labberig, geschmacklos und vermutlich schon frittiert, als das Atomium noch neu war. Seit diesem Abend glaube ich jedenfalls nicht mehr bedingungslos an den Mythos von den besten Pommes der Welt. Aber vielleicht hatten wir einfach auch nur Pech. Ein Foto haben die Fritten sich aber nicht verdient.
Gegen 22:00 Uhr erreichen wir wieder unser Hotel. Im Kühlschrank warten noch zwei Flaschen Bier, die wir in Ypern gekauft haben. Die müssen nun als offizieller Abschiedstrunk herhalten. Morgen dürfen wir ausschlafen, denn auschecken müssen wir erst um zwölf Uhr. Vielleicht fahren wir danach noch zum Atomium, vielleicht aber auch direkt zum Flughafen.

Ganz entspannt – dank Tobi wartet dort ja noch die Lounge auf uns. Ein würdiger Abschluss für ein paar wunderschöne Tage in Belgien.
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