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Mons - Leuven - Hasselt


26. Juli


Nach einer überraschend ruhigen Nacht erwachen wir erstaunlich ausgeruht. Lediglich die Temperaturen im Zimmer erinnerten eher an eine finnische Sauna mit Teppichboden als an ein belgisches Hotel.

Nach einer kalten Dusche – freiwillig, denn irgendetwas muss den Kreislauf ja davon überzeugen, dass der Urlaub weitergeht – marschieren wir zum Auto. Frühstück gibt es heute nicht, 18€ pro Person ist uns dann auch trotz belgischer Verhältnisse zu teuer.


Unser erstes Ziel ist deshalb ein Supermarkt. Dort wollen wir die belgische Version eines Gourmetfrühstücks zusammenstellen: ein frisches Baguette, etwas Käse, Wurst und alles, was man benötigt, um den Magen davon zu überzeugen, dass der Tag offiziell begonnen hat. Bei der Auswahl eines Baguettes gilt übrigens höchste Konzentration. In Belgien sehen alle gleich gut aus, aber nur eines wird heute unser Reisebegleiter.


Mit rund 130 Kilometern liegt heute die längste Fahretappe der gesamten Belgien-Rundreise vor uns. In Deutschland würde man dafür gerade erst den Motor warmfahren, in Belgien fühlt sich das schon wie eine Expedition quer durch den Kontinent an.


Zunächst steuern wir Löwen an, anschließend geht es weiter nach Hasselt. Wir sind gespannt, welche Eigenheiten uns heute erwarten. Vielleicht begegnen wir ja dem ersten Belgier, der tatsächlich das Tempolimit erreicht. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


Auch das Wetter scheint eingesehen zu haben, dass es gestern etwas übertrieben hat. Statt sommerlichem Bratofen werden heute angenehme 23 Grad angekündigt. Genau unsere Temperatur: warm genug für ein Eis, aber nicht so heiß, dass man schon beim Anblick einer Kirche ins Schwitzen gerät.


Nächste Woche soll Belgien wieder von einer Hitzewelle heimgesucht werden. Ein Glück, dass wir dann längst wieder zu Hause sind. Irgendwann muss man schließlich auch den Belgiern die Gelegenheit geben, ihre eigenen Pommes in Ruhe zu genießen – ganz ohne zwei deutsche Touristen, die ständig alles fotografieren, bewerten und sich wundern, warum an den Ampeln grundsätzlich erst einmal drei Sekunden lang nachgedacht wird.

Da unser Hotel heute keine inkludierte kulinarische Unterstützung bietet, steuern wir den nächsten Intermarché an. Schon beim Betreten wird klar: Belgier verstehen etwas von Lebensmitteln. Die Regale quellen über vor frischem Brot, knusprigem Gebäck, duftendem Käse und einer Wurstauswahl, die jedem deutschen Metzger Tränen der Rührung in die Augen treiben würde.

Wir laden den Einkaufswagen so voll, als müssten wir den Winter in den Ardennen überstehen. Zur Sicherheit wandern auch gleich zwei Biere hinein – schließlich weiß man nie, welche Notfälle der Tag noch bereithält.


Mit vollem Proviant geht es auf die Autobahn Richtung Leuven. Etwa 70 Kilometer liegen vor uns. Ich stelle den Tempomat auf gemütliche 110 km/h und rolle entspannt mit dem Verkehr mit. Überholt werden wir nur von einigen besonders mutigen Rowdys, die tatsächlich unglaubliche 119 km/h fahren.


An einem Rastplatz schlagen wir unser mobiles Frühstücksbuffet auf. Es ist zwar etwas windig, aber wir sind inzwischen ausreichend wetterfest. Das frische Baguette knackt beim Reinbeißen, der Käse schmeckt hervorragend, die Wurst ebenfalls, und dazu gibt es Orangensaft. Mehr braucht ein Frühstück eigentlich nicht. Vielleicht noch einen Butler – aber man kann ja nicht alles haben.



In Leuven erwartet uns das nächste kleine Wunder. Wir ergattern tatsächlich den allerletzten freien Parkplatz – und der liegt keine hundert Meter vom Grote Markt entfernt. Wahrscheinlich hat der Fahrer vor uns gesehen, dass wir kommen, und aus purer Höflichkeit Platz gemacht.


Der blaue Pfeil
Der blaue Pfeil

Leuven – oder Löwen, wie wir Deutschen sagen – gilt als eine der schönsten Städte Belgiens. Nach unserem Spaziergang können wir das nur bestätigen. Prächtige Fassaden, beeindruckende gotische Kirchen und eine Altstadt, in der man ständig das Gefühl hat, gleich würde ein Ritter um die Ecke reiten.



Beim Betreten der Kirchen steigt sofort der intensive Weihrauchduft in die Nase. Irgendwie fühlt sich das jedes Mal nach Weihnachten an – nur ohne Glühwein und Last Christmas. Die Innenräume gleichen Museen für mittelalterliche Kunst. Schade nur, dass viele Gemälde keine Beschriftung besitzen. Also darf Google Lens wieder als persönlicher Kunsthistoriker einspringen. Das Smartphone weiß schließlich fast alles. Manchmal sogar mehr als der Museumsführer.



Da Leuven eine Studentenstadt ist, gibt es Cafés und Kneipen praktisch an jeder Straßenecke. Nach ausgiebigem Schlendern gönnen wir uns eine kleine Pause. Heidi bestellt einen Latte Macchiato, ich einen Flat White. Schließlich müssen wir unsere Koffeinreserven auffüllen, bevor wir die nächste Etappe in Angriff nehmen.


Nach gut eineinhalb Stunden verabschieden wir uns von Leuven und steuern unseren blauen Pfeil Richtung Hasselt.

Kurz nach halb drei erreichen wir unser Hotel. Auch hier scheint unser Parkplatz-Schutzengel Überstunden zu machen. Genau gegenüber der Rezeption wartet der letzte freie Stellplatz auf uns. Sonntags ist das Parken in Belgien übrigens kostenlos. Fast wie in Berlin – nur mit deutlich weniger Parkplatzsuchverkehr und wesentlich entspannteren Autofahrern.

Das Einchecken geht schnell. Unser Zimmer liegt ganz oben im dritten Stock und bietet einen schönen Blick auf das bunte Treiben vor dem Hotel.


Hotel in Hasselt
Hotel in Hasselt

Vor der wohlverdienten Siesta machen wir noch einen kleinen Abstecher in die Innenstadt. Sie liegt nur wenige Schritte entfernt. Vor 32 Jahren waren wir schon einmal in Hasselt. Doch entweder hat sich die Stadt komplett neu erfunden oder unser Gedächtnis hat beschlossen, sämtliche Erinnerungen sorgfältig zu entsorgen. Wir erkennen jedenfalls weder Gebäude noch Plätze wieder.


Eine kleine Getränkepause auf dem Grote Markt hilft leider ebenfalls nicht bei der Gedächtnisauffrischung. Dafür stellen wir fest, dass Hasselt deutlich größer und schöner ist, als wir es in Erinnerung hatten.


Kaltgetränke
Kaltgetränke

An eines erinnern wir uns allerdings sehr wohl: den berühmten Hasselt-Kaffee. Eine Spezialität aus Kaffee, Genever und einer ordentlichen Portion Sahne. Damals waren wir so begeistert, dass wir sogar passende Gläser und eine Flasche Genever mit nach Hause genommen hatten. Doch wie so oft gilt: Manche Spezialitäten schmecken nur dort wirklich perfekt, wo sie erfunden wurden.


Schließlich entdecken wir ein Café, das den legendären Hasselt-Kaffee anbietet. Heidi bestellt selbstverständlich einen. Ich entscheide mich lieber für ein Leffe Bruin – irgendjemand muss schließlich noch verantwortungsvoll bleiben.

Der Kaffee entpuppt sich als ausgesprochen lecker. Allerdings scheint der Wirt bei der Dosierung des Genevers nach dem Motto gearbeitet zu haben: “Der Kaffee soll den Alkohol nur kurz begrüßen.”


Hasselt Kaffee
Hasselt Kaffee

Nur wenige Minuten später entwickelt Heidi eine bemerkenswerte Schieflage. Plötzlich bin ich nicht mehr Ehemann, sondern Stützpfeiler. Den Rückweg zum Hotel legt sie elegant an meinem Arm zurück.


Dort angekommen wartet allerdings noch die größte Herausforderung: drei Stockwerke ohne Aufzug.

Nach einer kleinen Mischung aus Tragen, Schieben, Motivieren und gutem Zureden erreichen wir schließlich das Zimmer. Mission erfüllt.


Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine dreistündige Siesta. Heidi, damit sich der Genever wieder mit der Schwerkraft versöhnt. Und ich, um mich von meiner spontanen Karriere als Lastenträger zu erholen.

An Schlafen ist allerdings zunächst überhaupt nicht zu denken. Wir haben das Fenster geöffnet, weil noch etwas Sauerstoff atmen wollen. Von draußen dröhnt in regelmäßigen Abständen laute Musik herüber. Erst denken wir an eine spontane Rebellion der Hotelgäste, doch schnell stellt sich heraus: Heute findet die Hasselt Musikterrasse statt. Das Festival feiert tatsächlich sein 25-jähriges Jubiläum.



Direkt schräg gegenüber unseres Hotels wurde eine Bühne aufgebaut. Dort wechseln sich den ganzen Tag Bands ab. Manche klingen so, als hätten sie ihre Instrumente erst heute Morgen aus der Verpackung genommen, andere wiederum sind erstaunlich gut. Im Moment spielt glücklicherweise eine der besseren. So wird aus unserem Hotelzimmer unfreiwillig eine VIP-Loge – nur eben ohne VIP und ohne Loge.


Gegen 19 Uhr machen wir uns erneut auf den Weg in die Innenstadt. Das heutige Ziel ist klar definiert: die ultimative belgische Muschel. Wir haben inzwischen beschlossen, den Online-Bewertungen nicht mehr zu vertrauen. Schließlich scheint dort jeder zweite Restaurantkritiker entweder der Besitzer oder dessen Schwiegermutter zu sein. Also verlassen wir uns auf unseren gesunden Menschenverstand – ein durchaus gewagtes Experiment.


Nach einer guten halben Stunde fällt die Wahl auf das Restaurant Drugstore. Es sieht gemütlich aus, ist gut besucht und die Speisekarte liest sich so, als hätte sie genau auf uns gewartet. Heidi bestellt Muscheln mit Knoblauchbutter, ich entscheide mich für die Variante mit Pastis und Fenchel. Dazu gibt es knusprige Fritten und eine hausgemachte Mayonnaise, die vermutlich süchtig macht.



Und dann passiert es.


Zum ersten Mal auf dieser Reise muss ich mein strenges Jurorenherz zügeln. Ich suche verzweifelt nach einem Kritikpunkt – vielleicht eine Muschel, die schief schaut, eine Fritte mit Höhenangst oder ein Fenchelstück, das sich danebenbenimmt. Keine Chance.


Zehn Punkte. Ohne Diskussion.


Schon vor 32 Jahren galten für uns die Muscheln in Hasselt als die besten Belgiens. Und tatsächlich – manche Dinge ändern sich einfach nicht. Wir lehnen uns zufrieden zurück und freuen uns, dass wir ausgerechnet am Ende unserer Belgienreise doch noch die perfekten Muscheln gefunden haben. Manchmal braucht es eben Geduld. Und sehr viele Muscheln.


Gegen 21 Uhr sind wir wieder im Hotel. Inzwischen betritt die Groove Band die Bühne und liefert den Soundtrack für unseren Abend. Einschlafen wird dadurch zwar nicht einfacher, aber immerhin kostenlos. Andere bezahlen für Live-Konzerte schließlich gutes Geld.



Am Nachmittag haben wir außerdem noch kurzfristig unsere Reiseplanung geändert. Antwerpen fliegt aus dem Programm und wird durch Brüssel ersetzt. Antwerpen kennen wir bereits, und Brüssel hätten wir am letzten Tag ohnehin nur im Eiltempo zwischen Parkhaus und Flughafen besichtigen können. Für eine Stadt dieser Größe wären zwei Stunden ungefähr so sinnvoll wie ein Fünf-Gänge-Menü an der Tankstelle.

Also fällt uns die Entscheidung erstaunlich leicht.


Zum Abschluss des Tages wartet allerdings noch eine kleine organisatorische Überraschung. Auf dem Parkplatz entdecken wir eher zufällig, dass das kostenlose Parken nur bis morgen früh um 7 Uhr erlaubt ist. Also stelle ich den Wecker auf 6:30 Uhr, um das Auto noch vor dem Frühstück in ein Parkhaus umzuquartieren.



Es gibt wahrlich Schlimmeres. Zum Beispiel ein Belgienurlaub ohne Muscheln.


Gelaufene Kilometer: heute nur acht.



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