Ypern, Poirot, Mons
- Holger Schweitzberger

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 13 Stunden

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25. Juli
Wer schon einmal in den 70er- oder 80er-Jahren in einem DDR-Bungalow übernachtet hat, kennt diesen ganz besonderen Duft. Eine Mischung aus feuchtem Holz, jahrzehntealten Gardinen, nassem Teppich und einer Prise “hier wurde seit Ulbricht nicht mehr gelüftet”. Genau dieses nostalgische Aroma empfing uns beim Betreten unseres Hotelzimmers.
Offenbar hatte unser Hotel beschlossen, seinen Gästen nicht nur eine Übernachtung, sondern gleich eine Zeitreise anzubieten.
Das Bett war ebenfalls ein Erlebnis. Es war so weich, dass man nicht darauf lag, sondern langsam darin versank. Hätte man eine Münze auf die Matratze gelegt, wäre sie vermutlich erst beim Auschecken wieder aufgetaucht.
Aber was soll’s? Wir sind schließlich nicht nach Belgien gereist, um Hotelzimmer zu bewerten, sondern um das Land zu entdecken. Außerdem liefert so ein Zimmer wenigstens Stoff für Geschichten. Ein steriles Fünf-Sterne-Zimmer vergisst man nach zwei Tagen. Den Duft von „Bungalow de Luxe – Edition Feuchtwald“ trägt man dagegen wahrscheinlich noch Jahre in der Erinnerung.
Wir haben die Nacht überlebt, sind morgens ohne Schimmelbefall aufgewacht und freuen uns jetzt auf den neuen Tag. Schlechter kann das Zimmer jedenfalls nicht werden – und falls doch, wissen wir immerhin, dass wir inzwischen ziemlich abgehärtet sind.
Das Frühstück entschädigte dann doch für einiges. Es war überraschend gut und ließ den modrigen Geruch der vergangenen Nacht zumindest für die Dauer von Kaffee und Rührei vergessen. Beim Auschecken fragte uns der Hotelbesitzer freundlich, ob es uns gefallen hätte. Da Ehrlichkeit bekanntlich am längsten währt – antwortete ich wahrheitsgemäß.
Zu meiner Überraschung reagierte er nicht beleidigt, sondern drückte uns 25 % Rabatt auf den Zimmerpreis in die Hand. Das machte den Bungalow zwar im Nachhinein nicht gemütlicher, aber immerhin deutlich günstiger. Vielleicht sollte ich künftig öfter ehrlich sein.
Bevor wir Ypern endgültig verlassen, besuchen wir noch das Museum über die Opfer des Ersten Weltkriegs. Die Ausstellung ist hervorragend gemacht und zeigt eindrucksvoll, welches unvorstellbare Leid die Menschen damals ertragen mussten. Man verlässt das Museum nachdenklich – und mit der Erkenntnis, dass die Menschheit offenbar über die erstaunliche Fähigkeit verfügt, dieselben Fehler immer wieder neu zu erfinden.
Gegen 11 Uhr machen wir uns auf den Weg zu unserem eigentlichen Pilgerziel dieser Belgienreise: der Statue von Hercule Poirot. Rund 70 Kilometer liegen vor uns. Genug Zeit also, um mich erneut der belgischen Fahrkultur zu widmen.
Das System scheint überall gleich zu funktionieren: Das Schild zeigt 70 km/h. Das Auto vor uns fährt 45. Dann erscheint ein 90er-Schild. Der Fahrer erschrickt offensichtlich über die plötzlich gewonnene Freiheit und beschließt vorsichtshalber, erst auf 40 abzubremsen um kurze Zeit später auf 50 km/h zu beschleunigen. In der nächsten Ortschaft geht es dann mit erstaunlich konstanten 54 km/h weiter. Verlässt man die Ortschaft, beginnt das Schauspiel von vorn.
Hat man den ersten Kandidaten endlich überholt, wartet hinter dem nächsten Kreisverkehr bereits der Nachfolger. Es scheint, als gäbe es in Belgien ein geheimes Ausbildungszentrum für professionelle Verkehrsbremser.
Google Maps meldet währenddessen zuverlässig jede einzelne Radarfalle. Eine hervorragende Funktion – leider völlig überflüssig. Schneller als erlaubt zu fahren ist praktisch unmöglich, wenn man ständig hinter einer mobilen Wanderdüne unterwegs ist.
Mein Vorschlag an die belgische Polizei wäre deshalb folgender: Nicht nur Raser bestrafen, sondern auch Fahrer, die grundsätzlich zehn bis zwanzig Kilometer pro Stunde unter der erlaubten Geschwindigkeit unterwegs sind. Das dürfte den Staatshaushalt nachhaltig sanieren.
Schließlich erreichen wir die Geburtsstadt des berühmtesten belgischen Detektivs. Am Rathaus beginnt die Suche nach seinem Denkmal. Zehn Minuten laufen wir suchend im Kreis. Für einen Moment frage ich mich, ob das vielleicht Absicht ist – schließlich hätte Hercule Poirot vermutlich seine Freude daran gehabt.
Dann entdecken wir die Statue tatsächlich. Winzig klein steht sie an der Ecke eines Hauses. Fast so, als wolle sie selbst nicht gefunden werden. Der Meisterdetektiv hätte vermutlich trocken bemerkt: „Der Fall ist gelöst.“
Zur Feier unseres erfolgreichen Fahndungserfolgs setzen wir uns ins benachbarte Bistro und gönnen uns ein kühles Getränk. Nach der aufregenden Suche haben wir uns das redlich verdient.
Um 14:30 Uhr erreichen wir Mons. Wie durch ein Wunder ergattern wir den letzten freien Parkplatz direkt vor unserem Hotel. Wahrscheinlich war heute sämtliches Urlaubsglück für uns reserviert.
Das Hotel liegt nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt. Also spazieren wir gleich zum Grand-Place – ja, jetzt heißt der Marktplatz plötzlich französisch. Überhaupt merken wir sofort, dass wir im französischsprachigen Belgien angekommen sind.
Die Menschen wirken etwas reservierter als im Norden, Speisekarten auf Englisch sind ungefähr so selten wie belgische Autofahrer mit Tempomat auf 90 km/h, und viele Kellner schauen einen an, als hätte man gerade nach einer Portion Pommes mit Nutella gefragt, wenn man Englisch spricht.
Nach einer wohlverdienten zweistündigen Siesta brechen wir zum Abendessen auf. Das Restaurant besitzt hervorragende Bewertungen, weshalb unsere Erwartungen entsprechend hoch sind. Wir bestellen jeweils ein Menü mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert.
Leider stellt sich heraus, dass Bewertungen manchmal ähnlich zuverlässig sind wie Wettervorhersagen. Alles war ordentlich, aber nichts, worüber man noch seinen Enkeln erzählen würde. Immerhin waren die Preise etwa zehn Prozent niedriger als im flämischen Teil Belgiens. Irgendwo muss das gesparte Geld ja bleiben.
Gegen 20:30 Uhr drehen wir noch eine Runde durch die Altstadt. Die Restaurants und Kneipen platzen aus allen Nähten. Kein Wunder – es ist Samstagabend. Ganz Mons scheint unterwegs zu sein.
Morgen wartet eine neue Herausforderung auf uns: Unser Hotel bietet kein Frühstück an. Das bedeutet, wir müssen erstmals selbst auf Nahrungssuche gehen. Mit etwas Glück finden wir ein Café. Mit etwas Pech landen wir wieder bei einer Tankstelle.
Anschließend fahren wir weiter nach Hasselt – zurück in den niederländischsprachigen Teil Belgiens. Eine Stadt voller Erinnerungen. Vor genau 32 Jahren haben wir dort zum ersten Mal Muscheln gegessen und den berühmten Hasselt-Kaffee probiert.
Mal sehen, ob beides heute noch genauso gut schmeckt. Und ob die Belgier dort vielleicht sogar wissen, wofür das Gaspedal ursprünglich erfunden wurde.
Die App mit der ich diesen Bericht erstelle, ist im Moment sehr fehlerhaft, weswegen ich einige Funktionen nicht konfigurieren kann.
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