Brügge, Meer & Ypern
- Holger Schweitzberger

- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit

24. Juli
Nach den gestrigen zwölf Kilometern zu Fuß haben wir uns für heute fest vorgenommen, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Wobei wir solche Vorsätze inzwischen mit einer gewissen Skepsis betrachten. Bisher endete nämlich jeder Tag, der mit den Worten Heute wird’s entspannt begann, mit schmerzenden Waden und einem Blick auf die Fitnessuhr, der uns daran erinnerte, dass wir auch einen Halbmarathon hätten laufen können.
Heute tauschen wir historische Altstädte gegen die belgische Nordseeküste. Der Plan klingt denkbar einfach: von Zeebrügge aus gemütlich die Küste entlang bis nach Nieuwpoort fahren, zwischendurch ein paar schöne Orte erkunden, vielleicht ein Eis essen, die Füße in den Sand stecken und – sofern die Nordsee nicht wieder ihre ganz eigene Vorstellung von Badetemperaturen hat – sogar eine Runde schwimmen.
Anschließend verlassen wir die Küste wieder und fahren nach Ypern. Ein Tag, der kaum abwechslungsreicher sein könnte: morgens Möwen und Meeresrauschen, nachmittags Geschichte und Kultur. Genau diese Mischung macht Belgien so reizvoll.
Das Wetter liefert heute ebenfalls keinen Grund zum Meckern. Angenehme 24 Grad, sonnig und laut Vorhersage kein Regen. Man hat fast das Gefühl, wir hätten versehentlich das Wetter eines anderen Landes erwischt. Für Belgien ist das schon fast verdächtig perfekt.
Mal sehen, ob unser Plan aufgeht und wir heute tatsächlich weniger laufen als gestern. Erfahrungsgemäß dauert es nicht lange, bis einer von uns sagt: Da vorne ist noch etwas Interessantes. Dieser harmlos klingende Satz ist auf Reisen ungefähr so zuverlässig wie das Amen in der Kirche. Er bedeutet nämlich fast immer, dass aus einem kurzen Spaziergang eine ausgedehnte Entdeckungstour wird. Aber genau deshalb fahren wir schließlich in den Urlaub.
Auf den Straßen ist um diese Uhrzeit noch angenehm wenig Verkehr. So rollen wir zügig aus Brügge hinaus und über die Landstraße Richtung Küste. Zum Dank gibt es noch ein schönes Abschiedsbild.

An den belgischen Straßenverkehr haben wir uns inzwischen fast gewöhnt. Fast.
Die Belgier fahren grundsätzlich etwa zehn Stundenkilometer langsamer als erlaubt. Warum auch hetzen? Urlaub scheint hier nicht nur eine Jahreszeit, sondern eine Lebenseinstellung zu sein. An jeder Ampel wird zunächst noch einmal gründlich überlegt, ob Grün wirklich Grün bedeutet. Drei Sekunden Bedenkzeit sind Pflicht. Und wer schon einmal in Belgien war, weiß: Hier gibt es kein Gelb zwischen Rot und Grün. Die Ampel springt direkt auf Grün. Vermutlich spart das Strom oder ist ein nationales Konzentrationstraining.
Nach etwa 40 Minuten erreichen wir De Haan. Wider Erwarten finden wir direkt an der Strandpromenade einen Parkplatz. Das grenzt in der Ferienzeit an ein kleines Wunder. Schnell das Badezeug aus dem Auto geholt und los geht’s.
Der Himmel strahlt in sattem Blau, das Thermometer zeigt bereits angenehme 21 Grad. Dabei ist es gerade einmal zehn Uhr. Am Strand herrscht noch entspannte Ruhe. Nur Hundebesitzer und Eltern mit Kleinkindern drehen bereits ihre Runden. Offenbar gehören sie weltweit zur Frühschicht.
Der Sandstrand ist traumhaft. Breit, sauber und scheinbar endlos. Auch die Promenade macht einen äußerst gepflegten Eindruck. Ins Wasser wagen wir uns zwar nicht, aber unsere Füße dürfen Bekanntschaft mit der Nordsee schließen. Nach ein paar Minuten fühlt sich das Wasser sogar erstaunlich angenehm an. Der Salzgehalt erinnert stark an unsere Ostsee – also eher dezent gewürzt.
Nach einer guten Stunde spazieren wir zurück zum Auto und setzen unsere Küstentour nach Ostende fort.
Ostende ist bekannt für seinen kilometerlangen Strand und den Visserskaai – den Fischerkai. Wir parken bequem im Parkhaus am Casino und laufen los. Der Name hat übrigens nichts mit Kai Fischer zu tun. Ich erwähne das nur vorsorglich, falls er zufällig diesen Bericht liest und plötzlich glaubt, Belgien hätte eine Straße nach ihm benannt.
Ostende wirkt insgesamt deutlich bodenständiger als Brügge oder Gent. Weniger mittelalterlicher Bilderbuchzauber, mehr ehrliche Hafen- und Industriestadt. Doch der Fischerkai entschädigt sofort.
An nahezu jedem Stand werden kleine Fischhäppchen angeboten. Garnelen, Matjes, Kibbeling, Schnecken, Räucherlachs, Muscheln – eigentlich alles, was irgendwann einmal im Meer geschwommen ist.
Perfekt für uns. Statt einer großen Mahlzeit probieren wir uns einmal quer durch das Angebot. Unser Mittagessen besteht heute aus dem kulinarischen Prinzip: “Ach komm, das nehmen wir auch noch.” Der Matjes war der beste den ich je aß.
Eigentlich wollten wir anschließend noch nach Nieuwpoort fahren. Doch unser Magen ist inzwischen deutlich voller als unser Zeitplan. Also beschließen wir, direkt nach Ypern zu unserem Hotel aufzubrechen.
Nach rund 45 Minuten erreichen wir unser Ziel. Zu unserer Überraschung dürfen wir das Zimmer bereits beziehen. Das nennen wir perfekten Service.
Der Hotelbesitzer gibt uns noch einen Geheimtipp: Erst einen Spaziergang über die alte Stadtmauer unternehmen und anschließend in die Altstadt eintauchen.
Gesagt, getan.
Die Stadtmauer ist durchaus schön angelegt. Viel Grün, schöne Ausblicke und angenehm ruhig. Ein zweites Mal müssten wir die Runde allerdings nicht laufen. Es gibt Wege, die einmal völlig ausreichen.
Ganz anders die Altstadt.
Schon nach den ersten Metern bleibt uns wieder einmal der Mund offen stehen. Ypern ist zwar deutlich kleiner als Gent oder Brügge, doch was Architektur und Atmosphäre betrifft, spielt die Stadt locker in derselben Liga. Ein prachtvolles Gebäude reiht sich ans nächste, alles wirkt gepflegt und beeindruckend.
Irgendwann entdecken wir eine kleine Kneipe, die unser Interesse sofort weckt. 25 Biere vom Fass und zusätzlich rund 100 verschiedene Flaschenbiere. Für Bierliebhaber dürfte das ungefähr das sein, was Disneyland für Kinder ist.
Heidi entscheidet sich für ein Trappistenbier mit acht Prozent Alkohol. Ich bleibe beim Kriek. Natürlich alkoholfrei. Schließlich muss einer von uns morgen noch wissen, wo das Auto steht.
Auf dem Rückweg kommen wir an der Sint-Martinskathedrale vorbei. Sie erhebt sich direkt hinter den gewaltigen Tuchhallen und ist ein echter Blickfang.
Die Geschichte dieses Bauwerks ist ebenso beeindruckend wie seine Erscheinung. Mit ihrem 102 Meter hohen Turm zählt sie zu den höchsten Kirchen Belgiens. Der Bau begann bereits um das Jahr 1230, als Ypern durch den Tuchhandel zu den reichsten Städten Europas gehörte. Zwischen 1561 und 1801 war sie sogar Bischofssitz des Bistums Ypern.
Im Ersten Weltkrieg traf das Schicksal die Stadt mit voller Wucht. Ypern lag mitten im sogenannten Ypernbogen und wurde nahezu vollständig zerstört. Auch die Kathedrale blieb nicht verschont und wurde durch den Artilleriebeschuss fast vollständig vernichtet.
Zum Glück entschied man sich nach dem Krieg nicht für einen modernen Zweckbau aus Beton und Glas, sondern baute die Kirche in den 1920er Jahren nach den ursprünglichen Plänen des Architekten Jules Coomans originalgetreu im Stil der Scheldegotik wieder auf.
Welch ein Glück für uns. Denn heute können wir dieses beeindruckende Bauwerk in seiner ganzen Schönheit bewundern.
Nachdem wir noch eine Weile durch die malerischen Straßen geschlendert sind, treten wir langsam den Rückweg zum Hotel an. Der Schrittzähler meldet erneut rund zehn Kilometer.
Für heute Nachmittag reicht es.
Jetzt brauchen unsere Füße Ruhe.

Nach der Siesta verlangt unser Magen nach dem, worauf wir uns den ganzen Tag schon freuen:
Eine große Portion belgische Muscheln. Und Muschel Restaurants gibt es zu Hauf am Grote Markt.
Unser kulinarisches Ziel für den Abend trägt den vielversprechenden Namen In ’t Klein Stadhuis. Es liegt direkt am Ausgang der Tuchhallen am Grote Markt und genießt offenbar einen ausgezeichneten Ruf. Zumindest erklärt das, warum draußen längst kein einziger Platz mehr frei ist. Glücklicherweise ergattern wir im Inneren des kleinen Restaurants noch einen Tisch. Klein, gemütlich und gut besucht – genau so stellt man sich ein belgisches Muschellokal vor.
Die Bestellung ist schnell aufgegeben: Muscheln in Weißweinsauce, dazu belgisches Bier. Schon nach kurzer Zeit stehen dampfende Töpfe vor uns. Besonders begeistert sind wir von den hausgemachten Mayonnaisen, die wirklich hervorragend schmecken. Die Muscheln selbst? Nun ja…
Mein innerer Juror, der grundsätzlich mit der Strenge eines Michelin-Testers und der schlechten Laune eines Finanzbeamten bewertet, zückt sofort die imaginäre Punktetafel. Nach sorgfältiger Verkostung und eingehender wissenschaftlicher Analyse lautet das Urteil: 7 von 10 Punkten. Mehr ist einfach nicht drin.
Bevor jetzt empörte Belgier zum Protestmarsch ansetzen: Eine Sieben ist bei mir beinahe schon ein Ritterschlag. Muscheln in Deutschland schaffen es in meiner persönlichen Weltrangliste meist nur auf eine glatte Zwei oder Drei. Belgische Muscheln spielen also eindeutig Champions League – nur eben nicht das Finale.
Mit angenehm gefülltem Bauch spazieren wir anschließend über den Grote Markt. Ein kleiner Verdauungsspaziergang kann schließlich nie schaden. Plötzlich entdecken wir in der Ferne eine erstaunlich große Menschenmenge. Da fällt es mir wieder ein: In Ypern findet jeden Abend die gleiche Zeremonie statt. Und trotzdem kommen jeden Abend wieder Hunderte Menschen. Das allein sagt eigentlich schon alles.
Punkt 20 Uhr erklingt unter den mächtigen Bögen des Menin-Tors die „Last Post“. Seit 1928 wird hier jeden Abend der Gefallenen und Vermissten des Ersten Weltkriegs gedacht. Im Triumphbogen sind die Namen von 54.896 vermissten Soldaten des damaligen Britischen Empires eingraviert. Für die Vermissten der späteren Kriegsjahre mussten die Tafeln sogar auf den Tyne-Cot-Friedhof in Passchendaele ausgelagert werden – dort stehen weitere fast 35.000 Namen. Ein beeindruckender und zugleich bedrückender Ort.

Mit einer Portion Glück schaffen wir es tatsächlich bis ganz nach vorne. Zweite Reihe! Perfekte Sicht! Wir beobachten den feierlichen Einmarsch der Freiwilligen Feuerwehr von Ypern, die diese Zeremonie seit Jahrzehnten begleitet.
Doch dann ertönt die höfliche Bitte der Ordner, alle Besucher mögen doch bitte etwas aufrücken.
Eigentlich eine einfache Anweisung.
Nicht jedoch, wenn sich direkt vor einem Menschen befinden, deren Reaktionsgeschwindigkeit irgendwo zwischen Kontinentaldrift und Faxgerät liegt.
Unsere komplette erste Reihe scheint kollektiv beschlossen zu haben, dass aufrücken vermutlich eine philosophische Lebensfrage ist, über die man zunächst gründlich nachdenken sollte.
Während wir noch höflich auf Bewegung hoffen, schieben sich von allen Seiten entschlossene Besucher an uns vorbei. Innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich unser Premiumplatz in eine Erinnerung. Eben noch zweite Reihe – einen Augenblick später hatten wir ungefähr dieselbe Sicht wie jemand, der das Ganze aus Australien verfolgt.
Nach kurzer Beratung fassen wir den einzig logischen Entschluss.
Rückzug.
Nicht ins Hotel.
In unsere Lieblingskneipe vom Nachmittag.
Dort bestellen wir ein Abschlussbier und beobachten ganz entspannt, wie nach Ende der Zeremonie nach und nach sämtliche Besucher ebenfalls auf die Idee kommen, den Abend flüssig ausklingen zu lassen. Offenbar waren wir unserer Zeit einfach ein paar Minuten voraus.
Für uns ist der Tag damit beendet. Gemütlich schlendern wir zurück ins Hotel, zufrieden mit einem weiteren wunderschönen Tag in Flandern.
Morgen verlassen wir den flämischen Teil Belgiens und fahren in den französischsprachigen Süden des Landes. Unterwegs machen wir einen kleinen Zwischenstopp in der Geburtsstadt unseres absoluten Lieblingsdetektivs.
Und nein…
…es ist nicht Barnaby.
Denn der braucht bekanntlich für jeden Mord ungefähr anderthalb Stunden. Unser Lieblingsdetektiv löst seine Fälle deutlich eleganter – mit kleinen grauen Zellen.









































































































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