Das Varlaam-Kloster und dann ab zum Meer

26. September - Schon in der Nacht, als wir gemütlich im Bett liegen, geht mir ein Gedanke durch den Kopf: Warum eigentlich noch eine Nacht in Kalambaka bleiben, wenn für morgen den ganzen Tag Regen angesagt ist? Wir könnten doch einfach einen Tag früher ans Meer fahren.
Der Gedanke gefällt mir so gut, dass ich natürlich sofort anfangen muss, nach einer Lösung zu suchen. Also wird noch im Bett booking bemüht und nach einer Unterkunft in Leptokarya gesucht. Schließlich wollen wir dort eigentlich erst am Sonntag einchecken.
Am nächsten Morgen erzähle ich Heidi von meinem nächtlichen Geistesblitz.
„Das habe ich mir auch schon gedacht.“
Na bitte! Zwei Menschen, ein Gedanke – das kommt bei uns schließlich nicht jeden Tag vor. Also machen wir Nägel mit Köpfen. Ich buche ein Apartment direkt am Meer und muss anschließend nur noch unserem Hotel beibringen, dass wir heute schon ausziehen.
Nach dem Frühstück klären wir die Formalitäten. Und siehe da: Unsere Gastgeber sind völlig entspannt und stornieren uns tatsächlich die nicht benötigte Nacht.
Finde ich ausgesprochen fair.
Bevor wir allerdings endgültig die Koffer packen, steht noch ein letzter Punkt auf unserem Meteora-Programm: das Varlaam-Kloster.
Der letzte Aufstieg
Kurz vor 8:30 Uhr sitzen wir im Auto. Unsere Hoffnung: möglichst früh dort sein, bevor die Touristenhorden über die Meteora-Felsen herfallen.
Die Hoffnung hält ungefähr so lange, bis wir den Parkplatz sehen.
Leer ist anders.
Zwar ist noch kein völliges Verkehrschaos ausgebrochen, aber von Einsamkeit kann keine Rede sein. Dazu stehen bereits ungefähr sechs Reisebusse herum, die ihre Ladung gerade in Richtung Kloster entleeren.
Na wunderbar.

Zum Kloster führen ungefähr 130 Stufen. Das klingt zunächst nach einer sportlichen Herausforderung, ist aber im Vergleich zu den anderen Klöstern fast schon ein Spaziergang. Vor allem müssen wir diesmal nicht erst einen knappen halben Kilometer nach unten laufen, nur um anschließend wieder nach oben zu steigen.
Hier geht es einfach über eine schmale Brücke über die Schlucht.
Ich persönlich überquere solche Bauwerke ja grundsätzlich lieber mit den Augen als mit den Füßen. Also nehme ich Heidis Hand und versuche, nicht darüber nachzudenken, was unter uns alles so weit nach unten geht.

Pünktlich um 9:00 Uhr öffnen die Tore. Vor uns stehen vielleicht zwanzig Menschen.
Das ist für Meteora-Verhältnisse fast schon Privatbesitz.
Varlaam – unser persönlicher Favorit
Wie in den anderen Klöstern führt unser erster Weg natürlich wieder in die Kapelle. Fotografieren und Filmen ist dort streng verboten.
Eigentlich.
Denn manche Fresken sind einfach so beeindruckend, dass mein innerer Fotograf sämtliche kirchlichen Vorschriften für einen kurzen Moment vergisst. Also entsteht heimlich die eine oder andere digitale Erinnerung.
Ich sage natürlich nicht, wo.
Das Varlaam-Kloster gefällt uns bisher von allen besuchten Klöstern am besten. Es ist wunderschön angelegt, hat mehrere kleine Gärten und bietet von praktisch jeder Ecke einen fantastischen Blick auf die umliegenden Felsen und die anderen Klöster.
Man könnte hier wahrscheinlich stundenlang herumlaufen.

Interessant sind auch die vielen Informationen über das Leben der Mönche. Und wenn man die dort beschriebenen Regeln liest, bekommt das Wort „Ruhestand“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Ein Mönch legt drei Gelübde ab: Gehorsam, Keuschheit und Armut.
Also genau die drei Dinge, die man vermutlich nicht unbedingt als Erstes mit einem entspannten Rentnerleben verbinden würde.
Die Mönche besitzen kein eigenes Geld, sondern alles gehört der Gemeinschaft. Jeder hat seine Aufgaben und für geplante Tätigkeiten braucht es den Segen des Abtes.
Und dann kommt der Tagesablauf.
Aufstehen um 3:30 Uhr.
Gebet bis 5:00 Uhr.
Danach Gottesdienste bis 7:30 Uhr.
Gemeinsames Frühstück.
Anschließend Arbeit.
Am Abend wieder Gottesdienst, Abendessen, Gebete und irgendwann zurück in die Zelle.
Ich schaue Heidi an.
„Also wenn ich jemals Mönch werden sollte, dann bitte erst nach dem Ausschlafen.“
Meteora sagt leise Servus
Nach knapp einer Stunde verlassen wir das Kloster wieder. Mittlerweile hat es angefangen, leicht zu nieseln.
Und draußen? Volle Parkplätze.
Trotz der Wettervorhersage stehen inzwischen noch mehr Autos und Busse herum. Offenbar haben die Touristen dieselbe Einstellung wie wir: Wenn schon Regen, dann wenigstens mit spektakulärer Aussicht.
Wir fahren zurück zu unserer Unterkunft und verabschieden uns dabei gedanklich schon von Meteora.
Ein letzter Blick zurück auf die gewaltigen Felsen.
Ein letzter Blick auf die Klöster.
Und irgendwie fühlt es sich tatsächlich ein bisschen wie Abschied an.
Wir haben hier in den vergangenen Tagen so viel gesehen, dass selbst unser Kopf langsam nach Urlaub vom Urlaub verlangt.
Zurück im Hotel verstauen wir unser Gepäck im Auto, gehen alle Einstellungen am digitalen Computer durch und deaktivieren die dusselige Kontrolleinstellungen. Jetzt kann’s aber losgehen vor uns liegen 160 km, bedeutet knapp drei Stunden Fahrzeit. Autobahn und Mautstellen sind bei Google Maps deaktiviert.
Schließlich sind wir im Urlaub.
Und so verlassen wir Kalambaka, Meteora und unsere letzten Tage zwischen Klöstern und Felsen – mit dem festen Vorsatz, uns jetzt für ein paar Tage dem wichtigsten Thema des Rentnerlebens zu widmen:
Meer, Sonne und möglichst wenig Wecker.
Meteora, mach’s gut.
Wir kommen bestimmt wieder.
Aber dann bitte ohne Regen.
Von Meteora ans Meer
Unser Weg führt uns heute Richtung Osten – immer dem Meer entgegen.
Die Landschaft verändert sich langsam. Wir fahren durch Pinienwälder und kleine Dörfer, vorbei an Gebirgen und imposanten Felsformationen. Die asphaltierte Straße schlängelt sich meistens zweispurig und erstaunlich geduldig von oben nach unten.
Serpentinen? Fehlanzeige.
Und so gestaltet sich die Fahrt ausgesprochen ereignisarm.
Was ja auch mal ganz schön ist.
Also habe ich ausreichend Zeit, mich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen zu widmen: dem Philosophieren über die Fahrweise der Griechen.
Dabei ist mir inzwischen ein ganz bestimmtes System aufgefallen.
Die Griechen fahren nämlich grundsätzlich erst dann auf eine Straße, wenn sie ziemlich sicher sind, dass das herannahende Fahrzeug nahe genug ist, um bremsen zu müssen.
Warum sollte man auch unnötig früh losfahren?
Hat man sich erst einmal auf die Straße gewagt, wird nicht etwa beschleunigt. Nein. Man zeigt lediglich durch seine Anwesenheit, dass man jetzt auch da ist.
Das Gleiche gilt für Ampeln.
Springt die Ampel auf Grün, setzt sich der griechische Autofahrer keineswegs hektisch in Bewegung. Zunächst muss die Information verarbeitet werden.
Drei Sekunden.
Vier Sekunden.
Fünf Sekunden.
Dann scheint im Gehirn die Meldung anzukommen: „Grün bedeutet tatsächlich fahren.“
Und los geht’s.
Wenn man dieses System einmal verstanden hat, funktioniert der griechische Straßenverkehr übrigens hervorragend.
Man muss sich einfach anpassen.
Also nicht hupen, nicht aufregen und vor allem keine Eile zeigen.
Schließlich sind wir im Urlaub.
Ein Schloss zum Abschied
Etwa zehn Kilometer vor unserer neuen Unterkunft entdecken wir das Platamon Castle.
Die mittelalterliche Burg thront eindrucksvoll über der Stadt Panteleimonas und liegt praktisch auf unserem Weg.
Also: Bremsen, Stoppen und Besichtigen.

Wir schnappen uns unsere Wanderstöcke, werfen die Regenjacken über und machen uns auf den Weg nach oben.
Der Eintritt schlägt mit stolzen zehn Euro pro Person zu Buche. Dafür erwarten wir jetzt natürlich mindestens eine mittelalterliche Ritterrüstung, einen Drachen und vielleicht noch einen kleinen Burggeist.
Leider ist auch der Turm wegen Renovierungsarbeiten weiterhin gesperrt.
Na wunderbar.
Dann machen wir eben das, was man auch hervorragend kostenlos machen kann: einen gemütlichen Rundgang um die gesamte Burg.
Knapp zwei Kilometer kommen dabei zusammen.
Immerhin.
Erst einmal einkaufen
Danach wird es Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.
Frühstück gibt es in unserem Apartment nämlich nicht.
Also suchen wir uns unterwegs einen größeren Supermarkt.
Und plötzlich stehen wir vor den Dingen, auf die wir uns schon seit Tagen freuen: griechischer Salat, Oliven, frisches Weißbrot und dieser herrliche Trüffelkäse.
Dazu natürlich ordentlich Olivenöl.
Man könnte jetzt behaupten, wir hätten eingekauft, um uns für die lange Fahrt zu stärken.
Aber eigentlich haben wir einfach Hunger.
Kurz nach zwei erreichen wir unsere Unterkunft – und haben sogar Glück: Wir können bereits einchecken.
Noch besser: Es gibt einen privaten Parkplatz.
Und wer schon einmal mit einem Mietwagen an der griechischen Küste unterwegs war, weiß, dass ein eigener Parkplatz ungefähr den Stellenwert eines kleinen Grundstücks am Mittelmeer besitzt.
Die Straßen sind eng, Parkplätze rar und manche Griechen parken offenbar nach dem Prinzip:
„Wo mein Auto stehen kann, ist ein Parkplatz.“
Meerblick statt Meteora
Unser Apartment liegt gerade einmal etwa 50 Meter Luftlinie vom Meer entfernt.
Und vom Balkon können wir tatsächlich direkt darauf schauen.

Vor uns die Strandpromenade, dahinter das Meer.
Nach den vergangenen Tagen zwischen Klöstern, Felsen, Treppen und Serpentinen ist das jetzt genau das, was wir brauchen.
Wir breiten unsere gerade erworbenen Schätze auf dem Tisch aus, schenken uns etwas ein und machen Mittagspause mit Meerblick.
Griechischer Salat.
Oliven.
Weißbrot.
Trüffelkäse.
Olivenöl.
Und vor uns das Mittelmeer.
Wir schauen uns an.
Eigentlich wollten wir hier nur eine Nacht bleiben.
Eigentlich.

Aber dann fällt ziemlich schnell die Entscheidung:
Wir bleiben einfach länger.
Also wird kurzerhand die Unterkunft für morgen storniert und hier eine weitere Nacht gebucht.
Und wieder einmal klappt alles völlig problemlos.
Damit ist endgültig klar:
Unser Plan für die nächsten Tage lautet:
Meer gucken, gut essen und Siesta machen.

Nach den letzten Tagen haben wir uns das schließlich verdient.
Und so liegen wir wenig später auf unserem Bett und machen genau das, was man an einem Urlaubstag am Meer unbedingt tun sollte:
gar nichts.
Na gut – fast nichts.
Ich schaue noch einmal auf das Meer.
Und denke:
So ein Reiseplan kann sich manchmal ganz schön spontan verändern.
Gegen 18:00 Uhr machen wir uns noch einmal auf den Weg ans Meer. Ein bisschen spazieren, den Wellen zuhören und einfach die Seele baumeln lassen. Griechenland am Meer ist eben immer wieder schön.

Irgendwann meldet sich allerdings der Magen und wir suchen uns eine kleine Taverne. Wir bestellen und wieder Sardinen und Sardellen. Diesmal nicht mit so viel drumherum, sonst schaffen wir es wieder nicht.


Danach erleben wir noch einen wunderschönen Sonnenuntergang. Viel besser kann man einen Tag eigentlich nicht beenden. Wir kaufen noch ein paar Getränke und ziehen uns anschließend auf unseren Balkon zurück.

Dort sitzen wir nun wie die beiden alten Herren aus der Muppet Show auf dem Balkon und beobachten das Geschehen. Nur dass wir nicht im Theater sitzen, aber wir kommentieren vermutlich ähnlich fachkundig alles, was sich bewegt – und auch manches, was sich nicht bewegt. So bekommt man einen Abend ebenfalls wunderbar herum.
Und morgen kommt der absolute Luxus: Wir können zum ersten Mal richtig ausschlafen. Kein Wecker, kein Frühstücksbuffet und kein hektisches „Wir müssen los“.
Das Frühstück machen wir morgen einfach selbst.
Urlaub kann so einfach sein.






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