365 Höhenmeter und ein paar Erkenntnisse fürs Leben

03. Oktober - Herrlicher Sonnenaufgang, wolkenloser blauer Himmel – genau so sieht der Morgen aus, als wir aufstehen. Also exakt so, wie es die Wetter-App vorhergesagt hat. Man muss es ja auch einmal lobend erwähnen, wenn sie tatsächlich recht hat.
Und nun? Was fangen wir mit diesem perfekten Tag an?

Den ganzen Tag am Strand herumliegen ist jedenfalls nichts für uns. Nach spätestens einer Stunde würden wir wahrscheinlich anfangen, den Sand zu sortieren. Also muss Bewegung her. Nach etwas Recherche ist der Plan schnell gefasst: eine kleine Wanderung.
Tripotamos – Themeli – Anigmata – Tripotamos.
8,4 bis 8,8 Kilometer, etwa 365 Höhenmeter, Schwierigkeit: mittel, Rundweg, Wanderweg M1.
Mittel klingt gut.
365 Höhenmeter? Lächerlich.
8,5 Kilometer? Spaziergang.
So denken wir jedenfalls in diesem Moment.
Der Startpunkt liegt ungefähr zehn Kilometer von uns entfernt. Kurz nach neun fahren wir los. Kaum Verkehr, strahlender Sonnenschein und schon jetzt ordentlich Wärme. Heute sollen es 23 Grad werden. In der Sonne fühlt sich das allerdings eher nach knapp 30 an.
Was soll schon schiefgehen?
Der Start – und natürlich erst einmal falsch
Wir stellen das Auto ab und machen genau das, was erfahrene Wanderer eben so machen: Wir laufen erst einmal in die falsche Richtung.
Komoot ist bei dieser Wanderung komplett raus und Wikiloc zeigt uns zwar die Strecke, kontrolliert aber nicht wirklich, ob wir uns auch darauf bewegen.
Also laufen wir erst einmal munter irgendwo herum.
Irgendwann stellen wir fest, dass wir falsch sind, drehen um und nehmen die andere Richtung.
Das sieht jetzt schon besser aus.
Allerdings führt der Weg an ungefähr drei Häusern vorbei, vor denen geschätzt zehn ausgewachsene Kampfhunde wohnen. Zumindest benehmen sie sich so. Zähnefletschend und laut bellend verfolgen sie uns hinter dem Zaun.
Wir überleben.
Aber plötzlich kommen Zweifel auf, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind.
Da kommt uns glücklicherweise ein griechischer Wanderer entgegen. Er kann sogar Englisch. Nach einigen Erklärungsversuchen versteht er schließlich, wo wir hinwollen, deutet in eine Richtung und bedeutet uns, ihm zu folgen.
Natürlich zurück.
Also wieder an den zehn Hunden vorbei.
Jetzt geht es wirklich los
Schließlich stehen wir an einem Punkt, an dem unser griechischer Helfer stehen bleibt und uns zu verstehen gibt: Hier geht’s los.
Der Weg sei ausgeschildert. Wir müssten einfach nur den Zeichen folgen.
Na dann.
Sein Wort in Gottes Ohr.

Wir schlagen uns durch Olivenhaine und Pinienwälder Richtung Norden. Zwischendurch stehen sogar echte Palmen am Weg. Griechenland kann ja einiges.
Auch Apfelbäume tauchen immer wieder auf. Die Äpfel sehen herrlich knackig aus und schmecken auch knackig – allerdings auf eine Art, die einem sofort klarmacht, dass hier offenbar niemand mit Zucker spart.

Themeli – der erste Erfolg
Wieder typisch Griechenland: An fast jeder Gabelung fehlt ein Hinweis, welcher der Wege nun eigentlich der richtige ist.
Google Maps hat längst keine Internetverbindung mehr und Wikiloc zeigt uns lediglich, wo die Strecke ungefähr verläuft.
Aber irgendwie nehmen wir tatsächlich den richtigen Weg.
Und dann verändert sich die Wanderung.
Der Weg wird schmaler.
Und steiler.
Und noch steiler.
Gefühlt geht es jetzt mit mindestens 13 Prozent direkt Richtung Himmel.
Der Pfad ist vielleicht 70 Zentimeter breit – also genau die richtige Breite, damit einer bequem laufen kann und der andere hinterherlaufen darf.
Links und rechts Dornen.
Auf dem Boden Bodendecker mit langen Schlingen, die nur darauf warten, einen Fuß einzufangen.
Dazu Steine. Große Steine. Kleine Steine. Lose Steine.
Man kann sich also aussuchen, woran man sich verletzen möchte.
Nach etwa zwei Kilometern erreichen wir Themeli.
Themeli.
Das ist eigentlich nur ein Name und wahrscheinlich dazu gedacht, dass man einmal kurz weiß:
Bis hierhin habt ihr es geschafft.
Wir freuen uns.
Denn auf den Schildern steht: Noch drei Kilometer bis Anigmata.
Drei Kilometer.
Klingt überschaubar.
Das Problem: Diese drei Kilometer führen offenbar senkrecht nach oben.
Anigmata – der Weg zum Himmel
Der Weg ändert sich nicht.
Weiterhin etwa 70 Zentimeter breit.
Steine, Schotter, Bodendecker – alles schön durcheinander.
Links geht es teilweise ziemlich tief nach unten, rechts ist zum Glück der Berg.
Wir gehen also lieber rechts.
Immer wenn wir denken:
„Jetzt muss doch langsam mal oben sein.“ kommt eine Kurve.
Und dahinter: noch ein Anstieg.
Und noch einer.
Und noch einer.
Ich habe irgendwann den Verdacht, dass Anigmata gar kein Ort ist, sondern eine griechische Bezeichnung für:
„Ihr seid noch lange nicht oben.“
Dann hören wir Wasser.
Ein Bachlauf!
Und plötzlich ist die Landschaft wunderschön. Wir folgen dem Bach ungefähr 700 Meter. Das Wasser plätschert, die Natur ist herrlich und für einen kurzen Moment vergessen wir sogar, dass unsere Beine eigentlich gerade kündigen wollten.
Dann kommen die Hinweisschilder.
Wir sollen über den Bach.
Zum Glück liegen im Wasser einige ziemlich große Steine.
Also beginnt die nächste Disziplin:
Bachüberquerung mit Wanderschuhen.
Ein falscher Schritt und du hast nasse Füße.
Wir schaffen es trocken auf die andere Seite.
Und was erwartet uns dort?
Natürlich:
Bergauf.
Und dann endlich: Anigmata
Irgendwann – tatsächlich irgendwann – erreichen wir Anigmata.
Und plötzlich ist alle Anstrengung für einen Moment vergessen.
Die Aussicht ist grandios.
Pinienwälder, Olivenhaine und dahinter die Ägäis. Darüber dieser wolkenlose blaue Himmel und die Sonne, die inzwischen beschlossen hat, uns endgültig zu grillen.
Unsere Wasservorräte werden langsam überschaubar.
Aber wir wissen:
Der große Aufstieg ist geschafft.
Zumindest glauben wir das.
Stromeno Aloni – die Tenne
Als Nächstes erreichen wir Stromeno Aloni.
Hier befindet sich die größte historische Dreschtenne der Umgebung. Früher wurde hier das Spreu vom Weizen getrennt.
Heute könnte man dort eher die Wanderer vom Rest ihres Lebens trennen.
Es stehen Bänke dort.
Was für eine wunderbare Erfindung!
Wir setzen uns hin, trinken und genießen den gigantischen Ausblick.
Für einen Moment sagen wir nichts.
Das muss man auch nicht.
Wir sind einfach froh, sitzen zu können.
Die Erde hat uns wieder
Irgendwann geht es weiter.
Und irgendwann kommen wir tatsächlich wieder an der Straße heraus.
Wir sehen uns an.
Wir lächeln.
Wir haben es geschafft.
365 Höhenmeter hören sich auf dem Papier ja wirklich nach einem kleinen Spaziergang an.
Aber 365 Höhenmeter auf einem Weg, der teilweise aus Steinen, Schotter, Dornen, Bodendeckern und gefühlt senkrechten Anstiegen besteht, sind eine ganz andere Hausnummer.
In einiger Entfernung sehe ich unser Auto.

Und plötzlich beschleunigen wir.
Nicht weil wir noch Kraft hätten.
Sondern weil das Auto so etwas wie ein Magnet geworden ist.
Je näher wir kommen, desto schneller werden wir.
Die Erde hat uns wieder.
Ich hatte zwischendurch einen Puls von 160 und musste deshalb auch einmal eine längere Pause einlegen.
Bei Heidi wurde es ebenfalls gelegentlich etwas schwindelig. Wahrscheinlich Sonne und fehlender Hut.
Wobei ich an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen möchte: Sie ist mein heutiger Held.
Sie hat diese komplette Strecke bewältigt.
Ohne Meckern und einem Tempo, das nicht langsam war.
Und das bei diesem Untergrund und dieser Hitze.
Hochachtung, Heidi!
Danke, dass wir solche Sachen gemeinsam machen können.
Belohnung muss sein
Jetzt geht es zurück nach Nikiti.
Erst einmal in den Supermarkt. Schließlich muss nach so einer Wanderung auch die Versorgungslage wieder hergestellt werden.
Eigentlich wollten wir Lamm.
Aber Lamm gibt es in den normalen Supermärkten eher selten. Dafür gibt es das beim Fleischer.
Also entscheiden wir uns für etwas, das die Griechen „Spareribs“ nennen.
Wobei es sich eher um eine griechische Interpretation des Themas handelt:
Rippchen, Kotelett und Schweinebauch – irgendwie alles zusammen.
Zu Hause angekommen, landet erst einmal alles im Kühlschrank.
Dann Sachen packen.
Und ab zum Meer!
Denn der Himmel ist weiterhin wolkenlos, der Wind ist praktisch nicht vorhanden und das Mittelmeer wartet schon.
Wir lassen uns ins warme Wasser fallen und erholen uns von unserer sportlichen Höchstleistung.
Nur der Salzgehalt des Mittelmeers ist heute nicht unbedingt unser Freund.

Denn die Dornen des M1 haben uns einige schöne Kratzspuren hinterlassen.
Und Salzwasser auf frischen Schürfwunden ist ungefähr so angenehm wie die Aussicht auf den nächsten Anstieg.
Abendessen und die große Erkenntnis
Das Fleisch ist oberlecker.
Dazu der Salat mit unserem gestern gekauften Olivenöl – perfekt.
Wir sitzen draußen, trinken einen Ouzo und lassen den Tag noch einmal Revue passieren.
Und dann fällt unser gemeinsames Urteil:
Wenn wir vorher gewusst hätten, was uns erwartet, wären wir diese Wanderung nicht gegangen.
Ganz sicher nicht.
Die Einstufung „mittel“ betrachten wir inzwischen als persönlichen Affront.
Mittel?
Das war keine mittlere Wanderung.
„Schwer“ wäre mindestens angemessen gewesen.
Vielleicht sogar:
„Mittel, aber nur für Bergziegen.“
Wir sitzen noch eine Weile draußen und schließen Wetten ab.
Morgen früh wird sich zeigen, ob wir Muskelkater haben.
Ich tippe auf:
Nein.
Heidi sagt nichts.
Was mich irgendwie nervös macht






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