Muskelkater? Fehlanzeige.

04. Oktober - Nein.
Nein, das ist tatsächlich die Antwort auf meine gestrige Frage, ob wir heute Muskelkater haben. Haben wir nicht. Gar keinen. Entweder waren wir gestern also doch nicht so fleißig beim Wandern – oder wir sind inzwischen einfach austrainierte Wanderprofis. Ich tendiere natürlich zu letzterem.
Dafür erwartet uns wieder ein herrlicher Sonnenaufgang. Wolkenloser Himmel, strahlende Sonne – so langsam wird das hier unheimlich. Was will man mehr?

Denis oder Conny, die momentan auf Kreta unterwegs sind, dürften das vermutlich etwas anders sehen. Die können von unserem Wetter nämlich nur träumen. Dort stürmt und regnet es, und der Wind soll sogar Fliesen von der Strandpromenade gerissen haben. Bei uns dagegen scheint Petrus offensichtlich gerade Überstunden zu machen.
Unser Programm für heute steht zunächst noch nicht fest. Eines wissen wir allerdings schon ganz genau:
Die Wanderschuhe bleiben heute im Regal.
Die haben sich das nach gestern auch verdient.
Heute spielt übrigens in der Nations League Griechenland gegen Deutschland. Und das ausgerechnet im Stadion meines griechischen Lieblingsclubs PAOK in Saloniki.
Die Fans von PAOK gelten ja als ausgesprochen heißblütig. Was dort teilweise auf den Rängen abgeht, ist schon beeindruckend – und wahrscheinlich auch für den einen oder anderen gegnerischen Spieler ein Grund, sich vor dem Spiel noch einmal ganz genau zu überlegen, ob er wirklich auflaufen möchte.
Bei der griechischen Nationalmannschaft sieht das allerdings etwas anders aus. Die interessiert viele Griechen offenbar ungefähr so sehr wie uns ein Wettbewerb im Synchronschwimmen.
Trotzdem hier mal ein kleines Video, damit ihr seht, was bei PAOK normalerweise so los ist:
Auf in die Altstadt
Nachdem wir uns ausreichend Gedanken über Fußball, Wetter und nicht vorhandenen Muskelkater gemacht haben, fällt schließlich die heute Entscheidung was wir tun wollen: Wir fahren in die Altstadt von Nikiti.
Natürlich liegt die nicht irgendwo gemütlich unten am Meer.
Nein.
Sie liegt auf einem Hügel.
Also schnappen wir uns das Auto und fahren die ungefähr drei Kilometer nach oben. Die Straßen sind – wie so oft hier – eng und kurvenreich. Und hinter jeder Kurve besteht die Möglichkeit, dass uns ein Grieche in rasanten Tempo entgegenkommt.
Wir finden schließlich einen Platz am Straßenrand und stellen das Auto ab. Die letzten 100 Meter gehen wir zu Fuß.
Natürlich bergauf.

Man will ja schließlich nicht komplett aus der Übung kommen.
Unser erstes Ziel ist die Kirche. Leider ist sie geschlossen. Durch die Fenster kann ich aber ein paar Fotos machen, sodass wir zumindest einen kleinen Blick ins Innere bekommen.
Und dann stellen wir fest: Heute ist hier etwas los.
Eine Taufe!
Die Vorbereitungen laufen bereits. Die Eltern mit dem kleinen Kind sind da, nach und nach treffen weitere Verwandte und Bekannte ein. Wir schauen uns das Ganze eine Weile interessiert an, wollen aber natürlich nicht plötzlich als ungeplante Mitglieder der Festgesellschaft gelten.
Also ziehen wir uns lieber zurück.
Der Friedhof von Nikiti
Direkt neben der Kirche befindet sich ein griechischer Friedhof. Und der ist tatsächlich ausgesprochen interessant.
Die Gräber sehen anders aus, als wir es von Deutschland gewohnt sind. Auf praktisch jedem Grab befindet sich ein Bild der verstorbenen Person, dazu die Altersangabe und ein kleiner Schrein mit einem Fenster.
Dahinter liegen persönliche Dinge des Verstorbenen.
Wir finden das sehr schön und zugleich sehr persönlich. Man bekommt dadurch einen ganz anderen Bezug zu den Menschen, die hier beerdigt sind.

Eine Altstadt ohne Blau und Weiß
Die Altstadt von Nikiti selbst gefällt uns richtig gut.
Allerdings müssen wir eine kleine Erwartung korrigieren: Wer hier überall die typischen blau-weißen griechischen Häuser erwartet, wird enttäuscht.
Hier ist alles anders.
Massive Steinhäuser prägen das Bild. Dicke Mauern, Naturstein und eine Atmosphäre, die viel ursprünglicher wirkt. Wenn man sich die Steine so anschaut, könnte man fast vermuten, dass die meisten davon irgendwann einmal auf einem unserer Wanderwege herumlagen und dann kurzerhand verbaut wurden.
Überall wachsen Granatäpfel- und Kakibäume. Und man merkt, dass hier oben vor allem ältere Menschen leben.
Die jüngeren Leute zieht es vermutlich – wie überall – in die Städte, wo sie ihr Glück suchen und wahrscheinlich irgendwann feststellen, dass sie dort genauso viel arbeiten müssen wie ihre Eltern auf dem Land.
Die Basilika direkt vor unserer Haustür
Auf dem Rückweg kommen wir noch an der Basilika des Bischofs Sofronios vorbei.
Und jetzt kommt der Hammer:
Die liegt gerade einmal etwa 300 Meter von unserer Unterkunft entfernt.
Wir wohnen also praktisch neben einer historischen Sehenswürdigkeit und haben es bisher nicht einmal bemerkt.
Typisch.
Eintritt kostet nichts, also schauen wir uns das Ganze natürlich an.
Die Basilika besteht aus Mauerwerk, das mit Ziegelsteinen und Mörtel durchsetzt ist. Bei den Ausgrabungen kamen die Kirchenmauern und zahlreiche Marmorelemente zum Vorschein, die noch heute vor Ort liegen.
Besonders beeindruckend sind die Mosaiken.
Wir fühlen uns ein bisschen nach Madaba in Jordanien versetzt. Madaba gilt schließlich nicht ohne Grund als Hauptstadt der Mosaike – und das völlig zu Recht, wie wir damals festgestellt haben.
Aber auch hier sind die Mosaiken wirklich sehenswert.
Was allerdings fehlt, sind vernünftige Hinweistafeln.
Man steht davor und denkt:
Schön. Aber was genau sehen wir hier eigentlich?
Wir müssen uns die Informationen also mehr oder weniger selbst zusammenreimen.
Die große Schlager-Tortur
Wieder zu Hause fällt Heidi plötzlich ein, dass gestern bei Radioeins die Top 100 der Schlager und Chansons gelaufen sind.
Gestern haben wir das komplett verpasst.
Aber kein Problem. In der App gibt es die Wiederholung. Wir wollen uns allerdings nicht freiwillig alle 100 Titel antun. Deshalb beschränken wir uns auf die Rückblende der besten 20.
Und jetzt kommt das wirklich Erstaunliche:
Wir können fast jedes Lied mitsingen.
Obwohl wir mit Schlagern eigentlich überhaupt nichts am Hut haben.
Komisch.
Irgendwie hat sich dieses Zeug offenbar heimlich in unser Gedächtnis geschlichen.
Siegerin wird schließlich Vicky Leandros mit „Ich liebe das Leben“.
Nach dieser musikalischen Tortur ist klar:
Wir müssen dringend ans Meer.
Heidi hat allerdings noch lange nicht genug.
Sie setzt ihre Kopfhörer auf und hört sich tatsächlich noch einmal die komplette Liste von Platz 100 bis Platz 1 an.
Ich dagegen bin zum Glück ein freier Mensch und entscheide mich für Motörhead.
Das ist dann doch eher meine musikalische Kragenweite.
Die Sonne knallt heute ordentlich vom Himmel. Trotzdem ist der Strand fast leer. Man merkt deutlich, dass die Saison hier langsam zu Ende geht.
Wir gehen zweimal ins Wasser und freuen uns über das warme und glasklar Wasser.

Abendessen mit Hindernissen
Zum Abendessen wollen wir in eine Taverne, in der wir schon vor zwei Jahren waren. Dort hatten wir damals das beste Ratatouille unseres Lebens gegessen.
Das wollen wir natürlich wiederholen.
Dazu hätten wir gerne Sardellen und Sardinen.
Die gibt es schließlich bei uns zu Hause nicht in dieser Qualität.
Wir bestellen also Wein und freuen uns auf einen schönen Abend.
Und dann kommt die Hiobsbotschaft:
Keine Sardinen. Keine Sardellen.
Ausgerechnet heute.
Wir sitzen bereits da, der Wein steht auf dem Tisch – und unsere Bestellung ist praktisch zur Hälfte gestorben, bevor sie überhaupt geboren wurde.
Heidi nimmt die Nachricht erstaunlich gelassen.
Schließlich ist jetzt wenigstens eine Aufgabe klar definiert:
Der halbe Liter Wein muss irgendwie weg.
Und zwar allein.
Das Leben kann manchmal wirklich hart sein.

Gyros rettet den Abend
Wir ziehen schließlich weiter an die Strandpromenade und landen beim Olympic Grill.
Und dort gibt es das, was Griechenland uns glücklicherweise niemals vorenthalten wird:
Gyros.
Ich nehme Pork, Heidi Chicken.
Und was soll ich sagen?
Beide sind richtig gut.
Eigentlich sogar die besten Gyros, die wir in diesem Jahr in Griechenland gegessen haben.
Wir sitzen fast direkt am Meer und können beobachten, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet.
Mittlerweile frischt der Wind auf. Sobald die Sonne weg ist, wird es auch spürbar kühler.
Wir bezahlen und machen uns auf den Rückweg zu unserem kleinen Zuhause in Nikiti.

Hier merkt man inzwischen ganz deutlich, dass die Saison zu Ende geht. Ab Mitte Oktober schließen viele Tavernen, und dann beginnt in den Urlaubsorten langsam der griechische Winterschlaf.
Und dann ist der Tag auch schon wieder vorbei
Zu Hause angekommen, hören wir noch den Rest unserer großen Schlagerorgie.
Wir trinken noch einen Kaffee und lassen den Tag langsam ausklingen.
Und bevor wir ins Bett gehen, gibt es noch eine wichtige Nachricht:
Für unseren Rückflug können wir einchecken.
Done! Wenn das mal nichts ist!
Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Na gut.
Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen.






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