Gent: Gravensteen - Korenmarkt - St. Bavo Kathedrale - Feeste
- Holger Schweitzberger

- vor 23 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

23. Juli 22°C
8:30 Uhr. Der Wecker gewinnt. Frisch geduscht, halbwegs wach und in gesellschaftsfähiger Kleidung – also in einem Zustand, in dem man uns wieder auf die Menschheit loslassen kann – machen wir uns auf den Weg in den Frühstücksraum.
Unser Hotel ist eher die gemütliche Kategorie „kleines Familiengeheimnis“ als die große Bettenburg. Ganze fünf Zimmer gibt es hier. Dementsprechend überschaubar ist auch der Frühstücksraum. Jeder Gast kennt jeden – zumindest vom Sehen – und wenn jemand laut niest, weiß man wahrscheinlich auch gleich, aus welchem Zimmer das Geräusch kommt.
Das Frühstück selbst ist allerdings eine Überraschung. Trotz der überschaubaren Größe des Hauses fehlt es an nichts. Käse, Wurst, Brot, Kaffee, alles steht bereit. Wir schlagen ordentlich zu, schließlich steht ein weiterer Tag voller Kultur, Kopfsteinpflaster und vermutlich viel zu teurer belgischer Kalorienbomben vor uns.

Gut gestärkt verlassen wir unser kleines Refugium und stürzen uns wieder in das Abenteuer Gent.
Das Genter Festival läuft noch bis zum 26. Juli – und wenn man einmal erlebt, was hier los ist, kann man nur den Hut ziehen. Die Stadt verwandelt sich in eine riesige Bühne. Überall Musik, Menschen und eine Atmosphäre, als hätte jemand beschlossen, eine ganze Stadt für mehrere Tage in ein einziges Straßenfest zu verwandeln.
Wenn ich an gestern zurückdenke, bleibt mir aber nicht unbedingt die große Festivalbühne in Erinnerung. Mein persönliches Highlight ist dieses kleine Punk-Konzert in der winzigen Kneipe ganz in der Nähe unserer Unterkunft. Drei Musiker, vermutlich mehr Energie als Platz auf der Bühne und ein Sound, der wahrscheinlich noch zwei Straßen weiter die Fenster zum Klappern bringt. Genau solche Momente sind es, die eine Reise besonders machen. Kein perfektes Event, sondern drei Menschen mit Instrumenten, viel Leidenschaft und der festen Überzeugung, dass Lautstärke ein Grundnahrungsmittel ist.
Heute steht zunächst aber Kultur auf dem Programm. Unser erstes Ziel: die Burg Gravensteen, die majestätisch am Rand der Altstadt thront. Von unserer Unterkunft sind es knapp zwei Kilometer Fußweg – eigentlich keine Entfernung. Zumindest nicht auf dem Papier. In Gent bedeutet „zwei Kilometer“ allerdings auch: zweimal falsch abbiegen, fünf schöne Gassen entdecken, an drei Cafés vorbeikommen, bei denen man kurz überlegt, ob eine Pause nicht dringend notwendig wäre, und mindestens einmal stehen bleiben, weil wieder irgendein historisches Gebäude im Weg steht.
Aber genau deshalb sind wir ja hier. Der Weg ist nicht nur das Ziel – in Gent ist der Weg oft schon die erste Sehenswürdigkeit.
Der Himmel präsentiert sich heute in einem eleganten Belgisch-Grau. Normalerweise wäre das ein Grund zum Meckern, für uns ist es allerdings ein echter Glücksfall. Bei Sonnenschein hätten wir die Burg vermutlich schweißgebadet erobert. So bleiben wir wenigstens äußerlich würdevoll.
Kaum verlassen wir das Hotel, sorgt das erste Highlight des Tages für gute Laune. Am Nachbarhaus entdecken wir ein Klingelschild, auf dem offensichtlich sämtliche schrägen Bewohner des Viertels verewigt wurden. Wer auch immer dort wohnt – wir würden zu gern einmal klingeln.

Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir schließlich die Burg Gravensteen – oder, wie ich sie hartnäckig nenne: Burg Grafenstein. Irgendwann muss man ja auch als Tourist seine eigene Wahrheit leben.
Mitten im Herzen von Gent erhebt sich diese beeindruckende Wasserburg, die aussieht, als hätte jemand ein Schloss direkt aus einem Ritterfilm ausgeschnitten und zwischen Cafés und Pommesbuden gestellt.
Graf Philipp von Elsass ließ sie 1180 erbauen. Angeblich orientierte er sich an den mächtigen Kreuzfahrerburgen, die er auf seinen Reisen gesehen hatte. Offenbar dachte er sich: So etwas brauche ich zu Hause auch. Die Nachbarn sollen schließlich Eindruck bekommen.
Und Eindruck machte die Burg. Sie war Wohnsitz der Grafen von Flandern, Machtdemonstration gegenüber den gelegentlich rebellischen Bürgern von Gent, später Gericht, Gefängnis und irgendwann sogar Industriegelände. Diese Burg hat im Laufe ihres Lebens wahrscheinlich mehr Berufe ausgeübt als mancher Lebenslauf bei LinkedIn.
Ende des 19. Jahrhunderts stand sie kurz vor dem Abriss. Zum Glück kaufte die Stadt Gent das Gemäuer und restaurierte alles liebevoll. Sonst würde heute vermutlich ein Parkhaus an dieser Stelle stehen – inklusive Schranke und Parkticket.
Für 15 Euro Eintritt bekommt man einen Audioguide kostenlos dazu. Das klingt zwar wie das kulinarische Angebot einer Fluggesellschaft – zum Hauptgericht servieren wir Ihnen gratis einen Plastiklöffel –, ist aber tatsächlich ein echtes Highlight. Der Audioguide erzählt die Geschichte der Burg mit so viel Humor, dass wir mehrfach laut lachen müssen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich einige Besucher gefragt haben, ob wir heimlich belgisches Starkbier zum Frühstück getrunken haben.
Nach gut einer Stunde haben wir jeden Turm, jede Mauer und jede noch so kleine Ecke der Burg erkundet. Ritter wären wir vermutlich keine guten geworden. Spätestens nach dem fünften Treppenaufgang hätten wir den Feind höflich gebeten, morgen wiederzukommen.
Jetzt meldet sich allerdings der Durst. Zum Glück ist das in Belgien ungefähr so problematisch wie Sand in der Sahara zu finden. Gefühlt befindet sich an jeder zweiten Ecke eine Kneipe, an jeder dritten ein Restaurant und dazwischen ein weiteres Café.
Heidi bestellt ihr erstes Kriek, das berühmte belgische Kirschbier, und ist sofort begeistert. Ich bleibe meiner alkoholfreien Linie treu und nehme wieder ein Leffe Bruin 0,0 %. Irgendjemand muss schließlich später noch den Weg zurück ins Hotel finden.

Am Korenmarkt bewundern wir das prächtige alte Postgebäude mit seinem markanten Glockenturm. Oder besser gesagt: Wir bewundern die Festivalbuden, hinter denen sich das Postgebäude vermutlich irgendwo versteckt. Das Genter Festival scheint nach dem Motto aufgebaut zu sein: Wenn schon feiern, dann so, dass keine Sehenswürdigkeit mehr vollständig zu sehen ist.

Unser letzter Programmpunkt am Vormittag ist die St.-Bavo-Kathedrale. Der Eintritt ist kostenlos, und das Innere ist wirklich beeindruckend. Gewaltige Säulen, prachtvolle Verzierungen und eine Atmosphäre, die einen automatisch etwas leiser sprechen lässt. Trotzdem gefällt mir persönlich die Kathedrale in Mechelen noch einen Tick besser. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich genauso wenig streiten wie darüber, welche Pommesbude die besten Fritten macht.
Gegen 13:30 Uhr treten wir den Rückweg zum Hotel an. Natürlich nicht, ohne vorher noch unserem Frittenimbiss um die Ecke einen Besuch abzustatten. Die Portionen sind so gigantisch, dass man damit vermutlich eine vierköpfige Familie oder eine kleine Fußballmannschaft satt bekommen würde. Wir kämpfen tapfer, müssen uns am Ende aber geschlagen geben. Belgier verstehen unter einer normalen Portion offensichtlich etwas völlig anderes als wir.

Zurück im Hotel melden sich unsere Beine geschlossen beim Betriebsrat und fordern eine sofortige Arbeitsniederlegung. Diesem Antrag wird einstimmig stattgegeben. Gegen 15 Uhr beginnt deshalb unsere inzwischen fast schon traditionelle Nachmittagssiesta. Schließlich wollen wir für den Abend wieder fit sein – Gent schläft schließlich auch nicht.
Am Abend sind wir wieder erstaunlich gut hergestellt. Offenbar haben Kaffee, Waffeln und ein kleines Nachmittagsschläfchen ihre therapeutische Wirkung nicht verfehlt. Also bestellen wir ein Uber und lassen uns erneut in die Innenstadt chauffieren.
Unser heutiger Fahrer scheint allerdings den gestrigen Kollegen nicht zu kennen. Während uns der erste fast bis vor die Restauranttür gefahren hat, verfolgt der heutige offensichtlich die Philosophie: “Ein kleiner Abendspaziergang schadet niemandem.” Da die Altstadt für den Autoverkehr gesperrt ist, muss er uns natürlich irgendwo absetzen. Nur liegt dieses “irgendwo” gefühlt in einer anderen Postleitzahl. Egal. Wir kennen den Weg inzwischen und nach schlappen 300 Metern stehen wir auch schon wieder dort, wo wir hinwollten.
Heute verzichten wir auf unsere wissenschaftliche Muschelstudie und widmen uns zwei weiteren belgischen Nationalgerichten. Heidi entscheidet sich für Waterzooi, ein cremiges Hühnerfrikassee, während ich die Gentse Stoverij bestelle – ein Rindergulasch, das stundenlang in Trappistenbier geschmort wurde. Allein die Vorstellung, dass Mönche Bier brauen, um daraus später Gulasch zu machen, verdient höchsten Respekt.
Beide Gerichte schmecken hervorragend. Belgien versteht eben nicht nur etwas von Pommes, Waffeln und Schokolade.


Frisch gestärkt tauchen wir wieder ins Festivalgeschehen ein. Falls wir gestern dachten, Gent sei voll gewesen, müssen wir unsere Definition von “voll” dringend überarbeiten. Heute scheint sich halb Belgien zusätzlich auf den Weg gemacht zu haben. An jeder Ecke wartet eine neue Bühne, eine andere Band oder irgendein Künstler, der sein Publikum begeistert. Und überall wird gelacht, getanzt, gesungen und gefeiert.
Was mich allerdings am meisten beeindruckt, ist die perfekte Organisation. Tausende Menschen sind unterwegs, unzählige Bier- und Essensstände säumen die Straßen – und trotzdem steht man nirgends länger als ein paar Sekunden an. In Deutschland würde vermutlich schon jemand eine Wartemarke ziehen.
Der absolute Höhepunkt des Abends erwartet uns jedoch auf der Bühne am Mardi Gras. Dort spielt eine Band die größten Hits der Sechziger- und Siebzigerjahre. Schon nach den ersten Takten verwandelt sich der Platz in eine einzige riesige Tanzfläche.
Das Publikum ist dabei erstaunlich reif. Viele Besucher sind sogar älter als wir – was wiederum bedeutet, dass sie die Lieder noch besser kennen. Innerhalb weniger Minuten singen Hunderte Menschen jede Zeile mit, schwenken ihre Bierbecher im Takt und tanzen, als gäbe es morgen weder Rückenprobleme noch Kniebeschwerden.
Und ganz ehrlich: Wir machen begeistert mit.
Für ein paar Stunden sind plötzlich alle wieder zwanzig. Nur die Gelenke erinnern einen gelegentlich daran, dass der Personalausweis eine andere Geschichte erzählt.
Als die Band schließlich ihre letzten Akkorde spielt, möchte eigentlich niemand nach Hause. Das Publikum fordert lautstark Zugaben, die Musiker grinsen, geben noch einmal alles und werden erst mit erheblichem Widerstand von der Bühne entlassen.
Wir schlendern anschließend noch einmal durch die verwinkelten Gassen der Altstadt. Erstaunlicherweise entdecken wir immer wieder neue Plätze, kleine Bühnen und versteckte Ecken, die wir bisher übersehen haben. Gent schafft es tatsächlich, hinter jeder Straßenecke noch eine Überraschung bereitzuhalten.
Irgendwann melden sich dann aber doch unsere Knochen zu Wort. Der Schrittzähler zeigt knapp elf Kilometer an, und unsere Füße reichen geschlossen einen Antrag auf sofortige Arbeitsniederlegung ein.
Heute diskutieren wir deshalb gar nicht erst. Ein Uber wird bestellt. Laufen ist schließlich etwas für den morgigen Tag.
Zurück im Hotel sind wir uns schnell einig: Gent hat uns begeistert. Eine wunderschöne Stadt, unglaublich freundliche Menschen, fantastisches Essen und ein Festival, das seinesgleichen sucht. Wir haben viel gelacht, hervorragend gegessen und zwei unvergessliche Tage erlebt.
Morgen geht es nach dem Frühstück weiter Richtung belgische Küste.














































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