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Vaarwel België

28. Juli



Plötzlich ist sie vorbei – unsere Woche in Belgien. Wobei Woche eigentlich die falsche Bezeichnung ist. Sieben Tage können sich erstaunlich lang anfühlen, wenn man jeden Morgen in einer anderen Stadt aufwacht, täglich neue Eindrücke sammelt und abends nicht mehr weiß, in welchem Hotelzimmer man den Lichtschalter suchen muss.


Das Angenehme an dieser Reise waren die kurzen Etappen. Die längste Strecke betrug gerade einmal 130 Kilometer. Für uns war das fast schon ungewohnt. Sonst verbringen wir deutlich mehr Zeit auf der Autobahn als in den Innenstädten. Diesmal war es genau andersherum – und das war vermutlich die beste Entscheidung der ganzen Reise.


Denn eines haben alle belgischen Städte gemeinsam: Sie scheinen nach dem Motto gebaut worden zu sein: Verlaufen ausdrücklich erwünscht. Kleine Gassen, schiefe Häuser, prachtvolle Marktplätze und überall Cafés, in denen Menschen sitzen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Jede Stadt hatte ihren eigenen Charakter, aber immer dieses angenehme Gefühl, dass man einfach noch eine Straße weitergehen möchte.


Apropos gehen: Unser Fitnessarmband verkündete jeden Abend stolz rund elf Kilometer. Täglich. Fast ausschließlich auf Kopfsteinpflaster. Heidi behauptet steif und fest, das sei gesund und gut für den Rücken. Ich möchte ihrer Theorie nicht widersprechen – allerdings meldeten Knie, Hüfte und Fußsohlen deutliche Zweifel an.


Ein ungelöstes Rätsel bleiben für mich die belgischen Frauen auf High Heels. Während ich in bequemen Schuhen auf dem Kopfsteinpflaster aussah wie ein Seemann nach drei Tagen Sturm, schwebten sie elegant an uns vorbei. Entweder werden belgische Mädchen schon im Kindergarten auf Kopfsteinpflaster trainiert oder es handelt sich um eine besondere Form der Evolution.


Belgien ist übrigens nicht nur das Land des Bieres, sondern auch das Land der Überraschungen auf der Speisekarte. Überraschend gut – und überraschend teuer. Ein Abendessen kostet schnell um die 29 Euro, ein kleines Bier etwa fünf Euro. In Brüssel kann das Bier sogar kleiner werden und gleichzeitig mehr kosten. Neun Euro für ein 0,25-Liter-Glas sind dort keine Seltenheit. Man lernt schnell, dass Durst zwar vergeht – der Blick auf die Rechnung aber länger in Erinnerung bleibt.


Fairerweise muss man sagen: Die Qualität stimmt. Wir haben während der gesamten Reise hervorragend gegessen. Frische Zutaten, große Portionen und freundlicher Service – jedenfalls fast überall. In Brüssel hatten wir allerdings gelegentlich das Gefühl, dass mangelnde Französischkenntnisse ungefähr denselben Stellenwert haben wie Sandalen auf einem Opernball. Man kommt zwar hinein, wird aber nicht unbedingt mit Begeisterung empfangen.


Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns der flämische Teil Belgiens ein kleines bisschen mehr ans Herz gewachsen ist. Die Menschen wirkten oft unkomplizierter, Englisch funktionierte fast überall, und das berühmte belgische Bier schmeckte dort keinen Deut schlechter.


Bleibt die Frage: Was nehmen wir mit nach Hause? Wunderschöne Städte, beeindruckende Architektur, unzählige Fotos, ein paar zusätzliche Kalorien von Waffeln, Muscheln, Pommes und Bier – und die Gewissheit, dass Kopfsteinpflaster zwar historisch wertvoll ist, aber vermutlich von einem Orthopäden erfunden wurde, um seine Praxis auszulasten.

Kurz vor zehn Uhr machen wir uns ein letztes Mal auf den Weg zum Frühstück. Schon beim Betreten des Frühstückssaals wird uns klar: Dieses Hotel wird uns fehlen. Hohe Decken, Kronleuchter, jede Menge Stuck und Kellner, die aussehen, als würden sie hier schon seit der Eröffnung vor über hundert Jahren arbeiten.

Das Frühstücksbuffet lässt wirklich keine Wünsche offen. Frisches Brot, Rührei, Speck, Käse, Wurst, Obst, Gebäck – und kaum ist irgendwo eine Platte halb leer, erscheint wie aus dem Nichts ein Mitarbeiter und füllt sie wieder auf. Ich frage mich kurz, ob die vielleicht einen geheimen Tunnel direkt zur Küche haben. Wer macht uns eigentlichmorgen das Frühstück? Als ich Heidi das frage, tut sie so als ob sie nichts hört.

Aber heute genießen wir noch einmal den königlichen Abschied.





Um 11:30 Uhr brechen wir endgültig auf. Zuerst zum Parkhaus, dann zum Flughafen. Für einen einzigen Tag Parken bezahlen wir stolze 30 Euro. Das tut zwar kurz weh, aber immerhin müssen wir das Auto nicht irgendwo in Antwerpen suchen. Manchmal ist Bequemlichkeit eben teurer als Vernunft.


Der Flughafen liegt gerade einmal zwölf Kilometer entfernt. Unser Navi verkündet optimistisch eine Fahrzeit von 30 Minuten. Zwölf Kilometer in einer halben Stunde? Das klang zunächst nach einer schweren Verkehrsbehinderung. Später wussten wir: Das Navi kannte die Baustellen bereits.

Je näher wir dem Flughafen kommen, desto mehr verwandelt sich die Straße in eine Mischung aus Formel-1-Strecke und Hindernisparcours. Links Betonwand, rechts Betonwand, dazwischen eine Fahrspur, die offenbar für belgische Kleinwagen und nicht für normale Autos gedacht ist. Die Spur ist so schmal, dass ich zwischendurch instinktiv den Bauch einziehe – als würde das dem Auto irgendwie helfen.

Die Ausschilderung verdient einen Ehrenpreis. Leider nicht für Orientierung, sondern für Kreativität. Hinweise erscheinen grundsätzlich erst dann, wenn die Ausfahrt bereits hinter einem liegt. Unser Navi versucht anfangs noch tapfer gegenzusteuern. Nach der dritten Ehrenrunde um den Flughafen gibt es endgültig auf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es innerlich nur noch dachte: „Macht euren Mist doch alleine.“


Irgendwann – eher aus Zufall als durch Navigation – erreichen wir tatsächlich die Mietwagenrückgabe. Die Abgabe selbst dauert keine fünf Minuten. Offenbar sind wir nicht die Ersten, die etwas verwirrt dort ankommen.

Nun wartet nur noch ein knapp ein Kilometer langer Fußmarsch bis zum Terminal. Nach den elf Kilometern täglich auf belgischem Kopfsteinpflaster wirkt das fast wie ein gemütlicher Verdauungsspaziergang.


Am Terminal bestätigt sich unsere Vermutung: Die Sicherheitskontrolle ist brechend voll. Während der Flughafen Berlin inzwischen über moderne Scanner verfügt, bei denen vieles im Handgepäck bleiben kann, setzt Brüssel offenbar noch auf das Motto: „Auspacken verbindet.“ Also Laptops raus, Flüssigkeiten raus, Gürtel ab, Uhr ab, Taschen leeren – man hat zwischendurch das Gefühl, gleich auch noch die Schnürsenkel einzeln vorzeigen zu müssen. Nach gut 30 Minuten haben wir die Prozedur überstanden und fühlen uns fast wie frisch eingeschulte Rekruten.



Natürlich führt der Weg anschließend direkt durch den Duty-free-Shop. Daran kommt man genauso wenig vorbei wie an den Waffeln in Belgien. Wir bleiben standhaft und suchen stattdessen die Diamond Lounge.


Das gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht. Gefühlt ist jede zweite Lounge wegen Umbau geschlossen. Nach einer kleinen Schnitzeljagd finden wir schließlich die richtige Tür. Drinnen wartet die verdiente Belohnung: ein kühles belgisches Bier, Fisch mit Couscous und ein bequemer Sessel.



Während draußen der Flughafen im Ferienchaos versinkt, stoßen wir ein letztes Mal auf Belgien an. Eine Woche voller wunderschöner Städte, beeindruckender Architektur, gutem Essen und unzähligen Kilometern auf Kopfsteinpflaster geht langsam zu Ende. Und ganz ehrlich: Unser Navi wird vermutlich genauso froh sein wie wir, endlich wieder nach Hause zu fliegen.

Ach ja, einen habe ich noch:



Gegen 15:00 Uhr machen wir uns gemütlich auf den Weg zu unserem Gate. Natürlich nicht, ohne vorher noch einmal pflichtbewusst den Duty-free-Shop zu inspizieren. Man weiß ja nie – vielleicht hat sich in den letzten sieben Tagen plötzlich ein sensationelles Schnäppchen oder eine Schokolade materialisiert, die wir bisher übersehen haben.


Nach einer gründlichen Kontrolle kommen wir jedoch zu dem ernüchternden Ergebnis: Es ist immer noch derselbe Laden wie vor einer Woche. Die Parfüms riechen unverändert teuer, der Alkohol ist genauso verlockend wie immer und die Schokolade würde höchstens unsere Koffer schwerer machen. Außerdem sind wir von der Lounge noch derart gut versorgt, dass selbst ein Gratisbuffet uns vermutlich nur ein müdes Lächeln entlocken würde.


Ein Blick aus dem Fenster sorgt dann für Optimismus. Unser Flugzeug wird direkt an die Fluggastbrücke gestellt. Keine Busfahrt über das Vorfeld, bei der man sich fühlt wie auf einer Stadtrundfahrt mit besonders wenig Sehenswürdigkeiten. Heute können wir ganz entspannt trockenen Fußes einsteigen.


Bleibt nur noch die spannende Frage: Hat Berlin auch so viel Mitgefühl mit uns oder wartet dort schon der obligatorische Bus? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Flughäfen eine geheime Vereinbarung haben: Wenn der Hinflug bequem war, muss der Rückflug wenigstens auf den letzten Metern noch ein kleines Abenteuer bereithalten. Schließlich soll man sich auch nach der Landung noch ein bisschen wie auf Reisen fühlen.


Und siehe da: Der Landeanflug auf Berlin entpuppte sich dann doch noch als das letzte Abenteuer unserer Belgienreise. Offenbar hatte der Druckausgleich beschlossen, heute mal nur für die Hälfte der Passagiere zu arbeiten. Meine Ohren fühlten sich jedenfalls an, als hätte jemand versucht, sie mit einer Fahrradpumpe auf Überdruck zu bringen. Dazu gesellten sich Kopfschmerzen, die vermutlich selbst dem Piloten Respekt eingeflößt hätten.


Aber wie so oft gilt: Hauptsache, die Räder berühren heil den Boden. Wenige Minuten später docken wir sicher am BER an und machen das, was nach jeder Landung alle machen: Handgepäck schnappen und nichts wie Richtung Ausgang. Diesmal läuft sogar alles erstaunlich reibungslos – keine Ehrenrunde durchs Terminal, kein Bustransfer und vor allem kein vermisster Koffer. Man wird im Alter ja bescheiden.


Vor dem Terminal warten schon Tobi und Jule auf uns. Nach einer entspannten 45-minütigen Autobahnfahrt erreichen wir schließlich wieder unser Zuhause – und zwar fast ohne Stau, Baustellenchaos oder sonstige Überraschungen. Irgendwie schon langweilig.


Doch der Urlaub endet nicht mit einer Tiefkühlpizza. Stattdessen werden wir von den beiden noch zum Burgergrillen eingeladen. Während die Patties auf dem Grill brutzeln, lassen wir die vergangenen Tage Revue passieren.




Es wird gelacht, erzählt und natürlich diskutiert, welche Stadt nun die schönste war und wo es die besten Muscheln gab. Überraschenderweise sind wir uns sogar fast einig.


Irgendwann verabschieden wir uns dann doch. Zuhause wartet schließlich das, worauf man sich nach jeder Reise am meisten freut: das eigene Bett. Es ist weder luxuriös noch historisch wie unser Hotel in Brüssel, hat kein riesiges Frühstücksbuffet und auch keine elegante Hotelbar. Aber es hat einen unschlagbaren Vorteil: Es gehört uns – und vor allem versucht dort niemand mehr, meine Ohren auf Reiseflughöhe zu bringen.


Fazit der Belgienreise: viele schöne Städte, jede Menge gutes Essen, unzählige Kilometer Fussmarsch, keine größeren Pannen – und ein Flugzeug, das sich zum Abschied noch einmal dachte: “Die Geschichte braucht schließlich ein würdiges Finale.”



Dank u well😁




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