Gent - Brügge
- Holger Schweitzberger

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag

23. Juli
Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns gegen 9:30 Uhr auf den beschwerlichen Weg zum Parkhaus. Wobei beschwerlich vielleicht etwas übertrieben ist – es liegt ganze achtzig Meter vom Hotel entfernt.
Das Wetter präsentiert sich wie am Vortag: Der Himmel trägt seine schicke Wolkendecke spazieren und ganz Belgien soll heute mit angenehmen 22 °C verwöhnt werden. Kein Schweiß, kein Sonnenbrand – Reisebedingungen, wie sie im Prospekt stehen.
Unser heutiges Ziel ist Brügge – neben Gent angeblich die schönste Stadt Belgiens. Nach allem, was wir bisher gesehen haben, sind die Erwartungen entsprechend hoch. Mal sehen, ob Brügge liefern kann oder ob Gent am Ende doch den Schönheitspreis mit nach Hause nimmt.
Vor der Abfahrt kämpfe ich noch eine kleine Schlacht mit Google Maps. Egal, welche Route ich auswähle – das Navi weigert sich hartnäckig, mehr als 90 Minuten Fahrzeit anzuzeigen. Was bildet sich diese App eigentlich ein? Ein Roadtrip ohne stundenlange Autofahrt fühlt sich fast wie Schummeln an. Natürlich könnte ich noch drei Dörfer, zwei Kreisverkehre und einen belgischen Acker mitnehmen, aber wozu?
Also entscheide ich mich für die gemütliche Strecke über Land, fernab der Autobahn, direkt ins Zentrum von Brügge. Schließlich soll der Weg das Ziel sein – und wenn unterwegs noch die eine oder andere Kuh freundlich winkt, umso besser.
Der Verkehr in Gent ist erfreulich überschaubar. Nach gerade einmal zehn Minuten haben wir die Stadt hinter uns gelassen und rollen gemütlich über die Landstraße Richtung Brügge. Gemütlich zumindest theoretisch.
Praktisch beginnt jetzt nämlich der belgische Teil des Straßenverkehrs. Die Verkehrsregeln scheinen eher als unverbindliche Literatur verstanden zu werden, und die Fahrweise der Belgier… nun ja… nennen wir sie kreativ. Blinker werden offenbar nach Mondphase eingesetzt, Vorfahrtsregeln nach Tagesform ausgelegt und Kreisverkehre wirken wie Castingshows für den Mutigsten. So schlecht habe ich Autofahrer seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass jeder damit beschäftigt ist, den Schlaglöchern auszuweichen, die wiederum den belgischen Straßenverkehr beruhigen sollen.
Die kleinen Ortschaften, durch die wir fahren, reißen uns allerdings nicht gerade vom Hocker. Wer romantische Dorfidylle erwartet, sollte lieber die Autobahn nehmen und sich die Zeit sparen. Die Häuser sehen aus, als hätten sie sich vor zwanzig Jahren gemeinsam darauf geeinigt, heute mal nicht besonders hübsch zu sein.
Nach rund 80 Minuten erreichen wir schließlich Brügge. Über Google Maps habe ich ein Parkhaus direkt am historischen Zentrum ausgesucht. Ein Volltreffer. Es sind jede Menge Plätze frei. Entweder sind wir früh dran oder alle anderen Touristen stehen noch im Stau hinter einem belgischen Kreisverkehr.
Kaum treten wir wieder ans Tageslicht, stehen wir praktisch vor der St.-Salvator-Kathedrale. Das ist schon ein beeindruckender Empfang. Die älteste Pfarrkirche Brügges erhebt sich majestätisch vor uns. Die gotische Kathedrale stammt im Kern aus dem 14. Jahrhundert, besitzt einen gewaltigen Innenraum, einen markanten Westturm und beherbergt bedeutende flämische Kunstwerke.
Besonders faszinieren uns die acht riesigen Wandteppiche mit Szenen aus dem Leben Christi. Gewebt wurden sie um 1730 in Brüssel in der Werkstatt von Jasper Van der Borcht. Jeder Teppich erzählt eine andere Geschichte: von der Anbetung der Hirten über die Hochzeit zu Kana bis hin zur Auferstehung Christi. Die Farben wirken erstaunlich hell und freundlich – fast schon modern –, obwohl die Vorlagen der Brüder Jan und Richard Van Orley deutlich düsterer ausfallen. Wegen der Webtechnik sind die Motive sogar spiegelverkehrt. Das merkt zwar kaum jemand, aber jetzt wisst ihr es.


Wir stehen minutenlang einfach nur da und staunen. Was Menschen vor dreihundert oder vierhundert Jahren erschaffen haben, ist schlicht unglaublich. Heute schaffen wir es manchmal nicht einmal mehr, eine Waschmaschine so zu bauen, dass sie länger als die Garantie hält.
Die Teppiche hängen heute in der St.-Salvator-Kathedrale, ursprünglich waren sie allerdings für die inzwischen verschwundene St.-Donatian-Kathedrale bestimmt. Auftraggeber war Bischof Henri-Joseph van Susteren. Sein Wahlspruch „Ut prosim“ – „Damit ich nütze“ – prangt noch heute auf den kunstvollen Bordüren. Ein schöner Leitspruch. Vielleicht sollte man ihn auch über manche Baustellen in Deutschland hängen.
Nach dem Kirchenbesuch schlendern wir weiter durch Brügge. Und spätestens jetzt wird klar: Diese Stadt ist nicht einfach schön – sie ist atemberaubend.
Welche Stadt gefällt mir besser – Gent oder Brügge? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich würde den Unterschied so beschreiben: Brügge ist Oper. Elegant, perfekt inszeniert und wunderschön anzusehen. Gent dagegen ist Rock ’n’ Roll. Lauter, wilder, etwas chaotischer, aber mit einer Energie, die sofort ansteckt.
Vielleicht liegt das auch daran, dass in Brügge keine Festivalbühnen den Blick auf die herrlichen Fassaden versperren. Hier sieht man die Stadt so, wie sie seit Jahrhunderten ihre Besucher verzaubert.
Dann erreichen wir den Grote Markt. Natürlich besitzt jede belgische Stadt, die etwas auf sich hält, einen Grote Markt. Aber dieser hier spielt in der Champions League. Ringsherum prächtige Giebelhäuser, das mächtige Provinzialgericht und der Belfried – Postkartenmotiv an jeder Ecke.
Allerdings gibt es da noch die andere Seite der Medaille. Brügge liegt nur rund zwanzig Kilometer von der Nordsee entfernt. Das macht die Stadt zum Lieblingsziel unzähliger Kreuzfahrtschiffe. Entsprechend strömen heute ganze Menschenherden durch die Gassen. Wie kleine Lemmingkolonnen marschieren sie hinter ihrem Reiseleiter her, der einen Regenschirm wie eine mittelalterliche Standarte in die Luft hält. Über Kopfhörer erfahren sie vermutlich gerade, dass Brügge im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt war. Währenddessen handeln sie sich gegenseitig blaue Flecken ein, weil niemand nach vorne schaut.
Wir retten uns schließlich in eine kleine Brasserie. Heidi gönnt sich ein fruchtiges Kriek, während ich meiner Linie treu bleibe und ein alkoholfreies Bier bestelle. Belgien kann eben nicht nur Starkbier, sondern offenbar auch hervorragendes alkoholfreies.
Für den kleinen Hunger – der sich inzwischen zu einem ausgewachsenen Hunger entwickelt hat – bestellen wir Rindertatar. Es schmeckt sensationell. Man merkt sofort, dass Frankreich gleich um die Ecke liegt. Überhaupt hat uns bislang jedes Essen in Belgien begeistert. Alles ist liebevoll angerichtet, hervorragend zubereitet und wird mit einer Gelassenheit serviert, die man in manchen deutschen Touristenhochburgen vergeblich sucht. Die belgische Gastronomie ist ganz großes Kino.
Wir schlendern gemütlich weiter zum Burgplatz. Und dann passiert etwas, womit wir inzwischen fast schon rechnen: Uns klappt mal wieder die Kinnlade herunter. Belgien scheint einen Wettbewerb zu veranstalten, wer die schönsten Plätze bauen kann – und Brügge ist offensichtlich ganz weit vorne dabei.
Der Burgplatz ist einfach überwältigend. Historische Gebäude, wohin man schaut, und eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Märchenfilm und Freilichtmuseum liegt. Natürlich sind wir nicht die Einzigen mit dieser Erkenntnis. Gefühlt hat sich halb Europa hier zum Gruppenfoto verabredet.
Erstaunlicherweise verteilt sich die Menschenmenge aber so gut, dass man niemandem dauerhaft auf die Füße tritt – höchstens versehentlich auf einen Selfie-Stick.
Unser Blick fällt auf die Heilig-Blut-Basilika direkt neben dem Rathaus. Schon von außen wirkt sie so beeindruckend, dass wir spontan beschließen, einen Blick hineinzuwerfen. Schließlich kann man schlecht behaupten, Brügge gesehen zu haben, wenn man an einer Kirche mit diesem Namen einfach vorbeiläuft.
Drinnen erwartet uns eine kleine Zeitreise. Die Basilika wurde zwar erst 1923 offiziell in den Rang einer Basilika erhoben, ihre Geschichte reicht jedoch viele Jahrhunderte weiter zurück. Besonders faszinierend ist die Unterkapelle des heiligen Basilius. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen romanischen Bauwerken an der belgischen Küste. Dicke Steinpfeiler tragen schwere Gewölbe, alles wirkt schlicht, massiv und irgendwie unkaputtbar. Vermutlich könnte das Gebäude auch einem mittelalterlichen Umzugsunternehmen als Lagerhalle dienen.
Über dem Eingang entdecken wir ein kunstvoll gearbeitetes Relief der Taufe Christi. Während wir es bewundern, frage ich mich unwillkürlich, wie die Steinmetze das damals ohne Laser, Wasserwaage und YouTube-Tutorial hinbekommen haben. Ich scheitere schließlich schon regelmäßig daran, ein Regal gerade an die Wand zu schrauben.

In der Oberkirche wird die berühmte Reliquie mit dem Heiligen Blut aufbewahrt, die jedes Jahr Tausende Pilger nach Brügge lockt. Wir genießen die besondere Atmosphäre, sprechen leise und lassen den Ort auf uns wirken. Selbst die lautesten Reisegruppen scheinen hier automatisch einen Gang herunterzuschalten – ein kleines Wunder, das fast schon als zweite Reliquie durchgehen könnte.
Ein kurzer Anruf im Hotel bringt die erfreuliche Nachricht: Unser Zimmer ist bereits bezugsfertig. Also steigen wir wieder in unseren blauen Pfeil und erreichen das Hotel keine zehn Minuten später.
Das Zimmer gefällt uns auf Anhieb. Zwei bequeme Betten, eine schöne Dusche und – fast noch wichtiger – ein Kaffeeautomat. Mehr Luxus braucht ein erschöpfter Tourist eigentlich nicht.

Also machen wir das, was vernünftige Urlauber nach einem langen Vormittag tun: Wir legen eine ausgedehnte Siesta ein.
Heute Abend wollen wir Brügge noch einmal erleben. Dann gehört Brügge wieder den Einheimischen, den Verliebten und uns – denn die Kreuzfahrer sind dann hoffentlich längst wieder auf ihrem schwimmenden Hotel verschwunden.
Gegen 17:00 Uhr marschieren wir wieder Richtung Innenstadt. Unser Ziel ist ein Restaurant, das laut Internet die besten Muscheln von ganz Brügge servieren soll. Öffnungszeit: 17:30 Uhr. Perfekt – bis dahin schaffen wir es locker.
Um 17:25 Uhr stehen wir leicht hungrig vor dem Lokal. Alle Tische sind frei, die Stühle warten sehnsüchtig auf Gäste und wir wären bereit, uns heldenhaft hinzusetzen. Doch ein Mitarbeiter erklärt uns mit stoischer Gelassenheit, dass erst um 17:30 Uhr geöffnet wird.
Na gut. Regeln sind Regeln.
Also warten wir.
17:30 Uhr.
Nichts.
17:31 Uhr.
Immer noch nichts.
Dafür sitzen sämtliche Kellner des Poules Moules gemütlich beisammen und rauchen, als würden sie auf den Sonnenuntergang warten. Wahrscheinlich haben sie entweder schon genug Gäste oder so viel Geld verdient, dass sie heute niemanden mehr brauchen. Es ist ja schließlich nicht so, als gäbe es in Brügge noch 300 andere Restaurants.
Wir beschließen deshalb, unsere gastronomische Liebe neu aufleben zu lassen und kehren zu der Brasserie zurück, in der wir bereits heute Mittag waren. Dort werden wir sogar wiedererkannt – wahrscheinlich wegen unserer sympathischen Ausstrahlung.
Zur Feier des Wiedersehens gönnen wir uns ein leckeres Bier. Heidi entscheidet sich diesmal für ein Trappisten Double, dazu bestellen wir Muscheln nach thailändischer Art.
Und was soll ich sagen? Großartig! Die Muscheln sind herrlich frisch, die asiatische Sauce wunderbar aromatisch und sie harmoniert überraschend gut mit den Meeresfrüchten. Trotzdem bleibt meine strenge Muschel-Jury konsequent: 7 von 10 Punkten. Da geht noch was. Die perfekte Muschel wartet irgendwo da draußen auf uns.
Ach ja, auf den Hochzeitstag von Jule und Tobias stoßen wir natürlich auch noch an.

Nach dem Essen schlendern wir planlos durch die Gassen. Und siehe da: Die Kreuzfahrt-Lemminge sind inzwischen wieder auf ihre schwimmenden Hotels zurückgekehrt. Plötzlich hat Brügge wieder Platz. Man kann tatsächlich wieder frei bewegen. Fast schon ungewohnt.
Heidi hat allerdings noch eine Mission.
Eine belgische Waffel muss her.
Sie hat sich vorher im Internet gründlich über die verschiedenen Waffelarten informiert und hält mir nun einen kleinen Vortrag über Brüsseler, Lütticher und sämtliche sonstigen Waffel-Unterarten. Solltet ihr dazu Fragen haben, wendet euch bitte direkt an meine Lieblingsfrau. Sie ist inzwischen zertifizierte Waffelberaterin.
Unser Ziel heißt Chez Albert, der wohl berühmteste Waffeldealer der Stadt. Vor dem Laden steht eine Schlange, als gäbe es die Waffeln nur heute und anschließend nie wieder. Zum Glück geht es erstaunlich schnell.
Ich bestelle für Heidi eine Waffel mit dunkler Schokolade und einer Kugel Vanilleeis.
Auf dem Burgplatz finden wir zwei freie Stühle. Heidi genießt ihr Dessert mit leuchtenden Augen. Großzügig, wie sie nun einmal ist, bekomme auch ich einen winzigen Löffel Vanilleeis. Wirklich winzig. Eher eine homöopathische Dosis. Aber immerhin – man nimmt, was man kriegen kann.
Zum Abschluss spazieren wir noch einmal über den Grote Markt. Im Abendlicht sehen die prächtigen Giebelhäuser fast unwirklich aus. Als hätte irgendein Filmstudio beschlossen, eine mittelalterliche Traumstadt als Kulisse aufzubauen. Man wartet eigentlich nur darauf, dass gleich ein Regisseur ruft: „Und… bitte!“
Und fast hätte ich es vergessen, eine Grazie gibt es in jeder Stadt.

Gegen 20:30 Uhr machen wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Unterwegs frage ich mich, wie wir früher überhaupt verreisen konnten – ohne Google Maps und ohne ChatGPT.
Damals musste man tatsächlich Menschen nach dem Weg fragen. Die wussten ihn zwar meistens auch nicht, haben aber immerhin mit großer Überzeugung in irgendeine Richtung gezeigt.
Heute zieht man einfach das Handy aus der Tasche, stellt eine Frage und bekommt innerhalb weniger Sekunden den kürzesten Weg, die Geschichte des Gebäudes, Restaurantbewertungen und wahrscheinlich noch drei Rezeptvorschläge für Muscheln obendrauf.
Die Zukunft hat schon ihre Vorteile.
Morgen geht es endlich ans Meer. Die Badesachen sind gepackt, die Sonnencreme steht bereit und wir freuen uns auf einen entspannten Tag an der belgischen Küste.
Für heute allerdings brauchen weniger unsere Koffer als vielmehr unsere Knochen eine gründliche Pflege.



































































































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