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Berlin - Brüssel - Gent

Aktualisiert: vor 2 Tagen



21. Juli 25°C


3:30 Uhr. Der Wecker reißt uns mit der Feinfühligkeit eines Presslufthammers aus dem Reich der Träume. Wer behauptet hat, der frühe Vogel fange den Wurm, war vermutlich noch nie um diese Uhrzeit freiwillig unterwegs.


Um 4:15 Uhr treffen wir uns mit Tobi und machen uns auf den Weg zum BER. Die Autobahn ist erfreulich leer – um diese Uhrzeit sind offenbar selbst die Staus noch im Tiefschlaf. Kurz vor fünf laden wir unser Gepäck aus, verabschieden uns und marschieren Richtung Terminal.


Erstaunlicherweise ist der Flughafen für einen Red-Eye-Flight schon erstaunlich gut besucht. Offenbar hatten noch ein paar Tausend andere Menschen dieselbe brillante Idee. Zum Glück sind sämtliche Sicherheitskontrollen geöffnet. Da ich meine Flüssigkeiten und den halben Hausstand inzwischen nicht mehr aus dem Rucksack kramen muss, dauert die Kontrolle keine Minute. Kaum haben wir den Gürtel wieder geschlossen, stehen wir auch schon im Duty-Free-Shop – dem Ort, an dem morgens um fünf plötzlich jeder glaubt, unbedingt Parfüm oder Schokolade zu brauchen.


Dank Tobis American-Express-Karte inklusive Priority Pass dürfen wir es uns anschließend in der Tegel Lounge gemütlich machen. Das Frühstücksangebot kann sich für 5:30 Uhr wirklich sehen lassen. Bei frischen Brötchen, Rührei und Kaffee genießen wir einen traumhaften Sonnenaufgang und warten entspannt auf das Boarding unseres Fluges nach Brüssel. Gate A10 – Belgien, wir kommen!



Das Boarding beginnt pünktlich um 6:20 Uhr. Exakt fünfzehn Minuten später ertönt bereits die Durchsage: „Boarding completed.“ Weltrekord. So schnell habe ich noch nie erlebt, dass ein Flugzeug verschlossen wurde, bevor überhaupt jemand Gelegenheit hatte, sich im Gang zu verlaufen.


Der Flieger ist vielleicht zu zwanzig Prozent ausgelastet. So leer haben wir ein Flugzeug noch nie erlebt. Rein theoretisch könnte jeder Passagier seine eigene Sitzreihe bekommen – fast schon eine kleine Eigentumswohnung über den Wolken.

Gut, dass wir keine Business Class gebucht haben. Der einzige Unterschied wäre vermutlich gewesen, dass wir dieselbe leere Kabine mit einem Glas Orangensaft in der Hand betrachtet hätten.


Weil so wenige Passagiere an Bord sind, gibt es bis zum Start um 6:55 Uhr natürlich kaum noch etwas zu tun. Niemand sucht hektisch nach einem Platz für seinen XXL-Trolley, niemand diskutiert darüber, ob der Sitz wirklich zurückgestellt werden darf, und kein Kind testet die Belastbarkeit der Rückenlehnen. Stattdessen verbringen wir die nächsten zwanzig Minuten damit, kostbare Millisekunden unseres Lebens fachgerecht zu vertrödeln – im stillen Bewusstsein, dass wir gerade die entspannteste Flugzeugwarteschleife aller Zeiten erleben.



Nach nicht einmal einer Stunde Flug setzen wir butterweich in Brüssel auf. Kaum haben wir uns innerlich für die sanfte Landung bei den Piloten bedankt, kommt die erste Überraschung: Andocken des Fliegers? Fehlanzeige. Stattdessen wartet draußen ein Bus.


Der Fahrer scheint allerdings jede einzelne Parkposition des Flughafens persönlich verabschieden zu wollen. Gefühlt umrunden wir den kompletten Airport, bevor wir endlich am Terminal ankommen. Zehn Minuten später dürfen wir aussteigen. Willkommen in Belgien.


Nun folgt der Programmpunkt, den ich bei jeder Reise besonders liebe: den Mietwagen abholen. Extra hatte ich diesmal einen Anbieter gebucht, dessen Schalter sich direkt im Terminal befindet. Keine nervigen Shuttlebusse, keine Außenstelle im Industriegebiet, keine Expedition.


Zumindest theoretisch.

Praktisch bedeutet “direkt im Terminal” offenbar einen gemütlichen Spaziergang von knapp zwanzig Minuten. Vermutlich zählt das in Belgien noch als “zentral gelegen”.


Schließlich erreichen wir den Schalter. Der freundliche Mitarbeiter von Europcar überreicht uns den Schlüssel und erklärt, unser Wagen stehe eine Etage tiefer auf Stellplatz 1201.


Dort wartet er auf uns. Ein strahlend blauer Citroën.

Heidi ist sofort verliebt.

„Ist der nicht hübsch?“

Ich ahne bereits, was jetzt kommt.

„Machst du bitte mal ein Foto?“

Natürlich. Erst Heidi neben dem Auto. Dann Heidi vor dem Auto. Heidi lehnt am Auto. Heidi streichelt das Auto. Vermutlich hätte sie den Citroën am liebsten adoptiert.



Nachdem CarPlay verbunden, sämtliche Handys geladen, die Sitze eingestellt und ungefähr siebenundvierzig Knöpfe ausprobiert wurden, können wir endlich losfahren.

Zumindest fast.


Ich drehe zunächst eine Ehrenrunde um den Flughafen. Rein zufällig. Wer braucht schon ein Navigationsgerät, wenn man sich erst einmal sämtliche Ausfahrten anschauen kann? Erst beim zweiten Versuch finden wir die richtige Richtung.

Unser erstes Ziel heißt Mechelen.


Die Altstadt empfängt uns mit wunderschönen historischen Gebäuden… und einer geradezu gespenstischen Ruhe. Es ist kurz vor zehn Uhr morgens, und außer ein paar Tauben scheint niemand unterwegs zu sein.

Moment… doch.

Plötzlich tauchen überall ältere Herren in Uniformen auf. Manche tragen Medaillen, andere Fahnen, die vermutlich schon beide Weltkriege persönlich erlebt haben.

Wir schauen uns fragend an.

„Sind wir versehentlich in einem Historienfilm gelandet?“


Wie jeder moderne Tourist greifen wir natürlich nicht zu einem Reiseführer, sondern zu Google.

Die Antwort erscheint wenige Sekunden später.

Heute ist der belgische Nationalfeiertag.

Na bitte. Wieder einmal hervorragend recherchiert. Als hätte ich das von Anfang an gewusst.



Wir schlendern gemütlich durch die hübsche Altstadt, gönnen uns einen Kaffee und besichtigen die beeindruckende St.-Rombouts-Kathedrale. Nach rund neunzig Minuten sind wir uns einig: Mechelen ist wunderschön – und wir haben wahrscheinlich alles gesehen, was heute geöffnet hat.

Also weiter nach Gent.


Da heute Nationalfeiertag ist, erwarten wir dort ein riesiges Fest.

Und wir werden nicht enttäuscht.

Kaum haben wir das Auto im Parkhaus abgestellt und die knapp zwei Kilometer bis zur Innenstadt zurückgelegt, wird klar: Hier ist richtig was los. Überall Bühnen, Musik, Menschen und gute Laune.


Wir erfahren, dass gerade die Genter Festwochen stattfinden. Über eine Woche lang verwandelt sich die komplette Innenstadt in eine einzige große Party.

Selbstverständlich muss dieses kulturelle Ereignis zunächst mit einem Stella Artois gewürdigt werden.

Pflicht ist schließlich Pflicht.



Danach spazieren wir durch die wunderschöne Altstadt und stellen schnell fest, dass Belgien offenbar zwei unterschiedliche Preislisten besitzt.

Eine für Einheimische.

Und eine für Touristen.

Zumindest fühlt es sich so an.

Die Speisekarten in den Restaurants lesen sich jedenfalls wie die Einkaufsliste eines Juweliers. Für den Preis eines Abendessens könnten wir wahrscheinlich schon den nächsten Mietwagen buchen.


Also entscheiden wir uns für die kulinarische Luxusvariante.

Eine kleine Imbissbude. Die lange Fritte.

Es gibt belgische Fritten mit Mayonnaise, Käsesauce und eiskalte Cola.

Manchmal sind eben genau die einfachen Dinge die besten.


Ein wenig schade ist nur, dass überall Bühnen aufgebaut sind. Dadurch verschwinden viele prachtvolle Fassaden, Kirchen und historische Gebäude hinter Lautsprechertürmen und Absperrgittern.

Vielleicht haben wir morgen mehr Glück.


Gegen halb drei machen wir uns schließlich auf den Weg zu unserem Bed & Breakfast.

Die Zugangsdaten haben wir bereits per WhatsApp erhalten. Kein Schlüssel, keine Rezeption, kein Mensch weit und breit.

Ein paar Codes später stehen wir tatsächlich in unserem Zimmer.

Die Technik hat gesiegt.



Unser Schrittzähler zeigt inzwischen knapp zehn Kilometer an. Dazu kommt, dass unser Tag bereits um halb vier Uhr morgens begonnen hat.

Es gibt nur noch eine vernünftige Entscheidung.

Eine ausgedehnte Siesta.

Belgien muss eben noch ein paar Stunden auf uns warten.


Gegen 17:30 Uhr brechen wir erneut in Richtung Innenstadt auf. Wir sind schließlich nicht zum Vergnügen in Belgien – wir befinden uns auf einer äußerst wichtigen kulinarischen Forschungsreise. Unser Auftrag: Muscheln mit Pommes Frites testen. Wissenschaft verlangt schließlich Opfer.


Nur 400 Meter von unserem Hotel entfernt entdecken wir ein vielversprechendes Brauhaus. Perfekt, denken wir. Doch kaum stehen wir davor, begrüßt uns ein Schild mit den zwei traurigsten Wörtern des Tages: Heute geschlossen. Offenbar wollte das Schicksal unsere Studie künstlich erschweren.


Die Alternativen in der Umgebung bestehen hauptsächlich aus Burgern, Döner, Pizza und anderen Dingen, die zwar lecker sind, aber den strengen Anforderungen unseres Muschel-Forschungsinstituts nicht genügen. Also bleibt nur Plan B: ab in die Innenstadt.


Da unsere Beine nach den Strapazen des Vormittags inzwischen einen Warnstreik angekündigt haben, bestellen wir kurzerhand ein Uber. Zehn Minuten später werden wir mitten ins Getümmel ausgespuckt.

Und was dort abgeht, ist völlig verrückt.

An jeder Ecke spielt eine Band, irgendwo wird Theater aufgeführt, Straßenkünstler jonglieren, Menschen tanzen, singen und trinken Bier, als gäbe es morgen ein europaweites Brauverbot. Ganz Gent scheint heute beschlossen zu haben, gleichzeitig eine riesige Party zu feiern – nur vergessen, uns vorher Bescheid zu geben.



Mitten in diesem Trubel entdecken wir tatsächlich ein Restaurant mit Muscheln auf der Speisekarte. Und als wäre das nicht schon sensationell genug, gibt es sogar noch zwei freie Plätze. Vermutlich hatte der Muschelgott endlich ein Einsehen.

Heidi bestellt ein Glas Wein, ich gönne mir ein alkoholfreies Leffe Bruin. Ja, das gibt es tatsächlich – und erstaunlicherweise schmeckt es richtig gut. Kurz darauf landet der eigentliche Star des Abends auf dem Tisch: ein riesiger Topf dampfender Muscheln. Die Exemplare sind beeindruckend groß, wunderbar zart und schmecken einfach fantastisch. Dazu knusprige Pommes – Belgien weiß wirklich, wie man Touristen glücklich macht.



Nach dem Essen schlendern wir noch einmal durch die Altstadt und ihre verwinkelten Gassen. Überall Musik, Gelächter und ausgelassene Stimmung. Die historischen Fassaden leuchten im Abendlicht, und wir können unser Glück kaum fassen, genau an diesem Tag hier zu sein. Manchmal plant man eine Reise – und manchmal schenkt einem die Reise einen perfekten Abend.



Gegen 21:30 Uhr erreichen wir wieder unser Zimmer. Meine Füße verlangen lautstark nach einer kalten Dusche, mein Rücken nach einer Entschuldigung und der Rest meines Körpers nach einem möglichst weichen Bett. Laut Fitness-App sind wir heute knapp 16 Kilometer gelaufen – gefühlt allerdings auf jedem einzelnen der vermutlich 200 Jahre alten Kopfsteinpflastersteine persönlich.

Natürlich endet ein seriöser Muscheltest nicht ohne Bewertung.


Auf der streng wissenschaftlichen Muschel-Skala von 1 bis 10 vergebe ich heute eine 7. Nicht, weil die Muscheln schlechter wären – ganz im Gegenteil. Aber ein erfahrener Tester vergibt am ersten Abend niemals die Höchstwertung. Wer weiß, welche muscheltechnischen Meisterwerke Belgien in den nächsten Tagen noch aus dem Topf zaubert.





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